Mittwoch, 23. April 2014

Glückliche Familie Nr. 215: Die Zwangs-Beglückung


Am Ostermontag wollten wir den Film "Gandhi" gucken. Wir haben eine Reihe von DVD-Abenden gestartet, an denen wir den Kindern einen Film zeigen, der uns persönlich viel bedeutet. Angefangen haben wir mit "Das Leben der anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck, an Ostern war "Gandhi" von Richard Attenborough dran.

Wegen der Überlänge wollten wir zeitig anfangen, aber dann hatte der eine noch dies im Zimmer zu erledigen und die andere noch jenes am Computer zu recherchieren. Bei uns Eltern machte sich eine leichte Missstimmung breit. Und zwar die Sorte Missstimmung, die bei Eltern epidemisch ist. Es handelt sich um folgendes Gefühl:

Da-tun-wir-so-viel-für-euch-und-wer-dankt-es-uns?-Niemand!!! 

Wir haben den Film schließlich gesehen. Alles war gut. Und Kronprinz (16) und Prinzessin (13) zeigten sich so beeindruckt, dass der Eltern-Segen nicht mehr schief hing. Aber als im Vorfeld dieses Gefühl in mir aufkam, dachte ich, ich muss es schreiberisch umzingeln, weil es von allen Eltern-Gefühlen die Pest ist.

Denn eines muss man sagen: Nie haben weder Kronprinz noch Prinzessin uns mit einem Wort darum gebeten, eine "Pädagogisch-wertvoll-DVD-Reihe" zu starten. Es war unsere Idee. Eine schöne Idee, keine Frage. Aber trotzdem eine Idee der Kategorie "Zwangs-Beglückung". Und wenn wir dann eingeschnappt sind, wenn die Kinder nicht sofort "juhu" schreien, ist das unfair.




Wir wohnen in einem Umfeld mit viel Zwangs-Beglückung. Schon die Kleinsten erhalten hier schulische, motorische, sportliche, musische, berufliche und finanzielle Förderung in einem hohen Maße. Da werden zusammen Referate geschrieben, Taxi-Dienste geleistet, Geigen angeschafft, Auslandsaufenthalte ermöglicht, Praktika besorgt und Nachhilfe finanziert.

Einige Punkte davon tun auch der Soßenkönig und ich für unsere Kinder.

Seine Kinder zu unterstützen und ihnen vieles ermöglichen zu können, ist schön. Mir ist nur aufgefallen, dass wir und manche Eltern im Freundeskreis manchmal zu viel und vor allem auch ungefragt tun und wir uns damit selbst in eine große Enttäuschung, fast Verbitterung hinein manövrieren. Und natürlich geben wir dem Jugendlichen, diesem Taugenichts, die Schuld daran.

"Da habe ich ihr die Einleitung vom Referat geschrieben und sie meckert, dass da Fehler drin waren."

"Da besorgen wir ihm so ein tolles Praktikum und er kommt nicht in die Gänge, die Unterlagen dafür abzuschicken."

"Da fahre ich ihn zum Tischtennis und er meckert, dass ich zu langsam fahre."

Damit das nicht aufkommt, habe ich folgende Prinzipien für mich selber aufgestellt:
  • Ich tue für meine Kinder nur, was ich von Herzen gerne tue. Und das genießen wir dann in vollen Zügen. Da ich kein Opfer erbracht habe, erwarte ich keine Gegenleistungen.
  • Alles, was ich nicht tue, macht sie nur selbstständiger und schadet ihnen nicht (gerade die Kleinen brauchen natürlich eine Grundfürsorge, aber davon ist hier auch nicht die Rede). Also brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich mal nicht "Gewehr bei Fuß stehe". 
  • Kann sein, dass ich Kronprinz (16) bei schönstem Sonnenschein zum Saxophonunterricht chauffiere, weil ich ihn den ganzen Tag nicht gesehen habe und ein paar Minuten im Auto mit ihm genießen möchte ...
  • kann aber auch sein, dass es regnet und er radeln muss, weil ich gerade dringend etwas anderes tun möchte. Hier gibt es kein "richtig" oder "falsch".
  • Wer meckert oder alles für allzu selbstverständlich nimmt, kriegt eins auf die Mütze. 
  • Wer sich nicht bedankt, dem brülle ich hinterher: "Danke, Mama!" Und das gewünschte Echo kommt direkt. "Danke, Mama." (Ich muss aber zugeben, dass sich beide - vielleicht dank der Echo-Methode - inzwischen für Sachen bedanken, bei denen ich gar nicht damit gerechnet habe.)
  • Ich gebe mir Mühe zuzuhören, damit ich verstehe, ob die "Beglückung" überhaupt erwünscht ist.
  • Ich mache mir klar, dass meine Kinder immer passiver werden, wenn ich zu aktiv bin. 
  • Ich lerne es auszuhalten, wenn sie rumgammeln. Die Initiative, die aus ihnen selbst kommt, ist viel wertvoller als alles, was ich ihnen einpflanzen kann.

Immer fröhlich einander helfen, aber auf der Hut sein, dass es die Eigeninitiative nicht erstickt.

Eure Uta

Ps.: Mich würde ja mal interessieren, welche Filme ihr mit euren halbwüchsigen Kindern gucken würdet ... nachdem ihr sie gefragt habt, ob sie eine solche Aktion wirklich wollen. 

Freitag, 18. April 2014

Glückliche Familie Nr. 214: Konsum bei Kindern und Hasen


Es gibt ja in Zeitschriften diese Vorher-Nachher-Bilder, vor der Diät - nach der Diät, vor dem Styling - nach dem Styling.

Unser Osterhase äußerte heute morgen den Wunsch, für meinen Blog ein solches Shooting zu machen.





Bei Kronprinz (16) hatte er gesehen, dass dieser sich für den Abschlussball vom Tanzkurs eine Krawatte band. Erst wollten die Pfoten nicht so wie der Hase wollte, aber dann ...







Braucht man eine Krawatte, braucht man keine? Das sind so Fragen.

Um das Thema "Wie viel Konsum braucht der Mensch, vor allem auch der Mensch mit Kindern?" geht es gerade bei Fräulein im Glück. Sie hat mich eingeladen, in einem Gastbeitrag darüber zu schreiben, wie Eltern mit dem Haben-Wollen von Jugendlichen umgehen können. Zum Lesen hier entlang.

Frohe Ostern, Fräulein im Glück, und vielen Dank für die schöne Veröffentlichung!

Euch anderen wünsche ich auch fröhliche Feiertage und wenn eure Osterhasen jetzt quengeln, dass sie auch so eine Krawatte wollen, dann wisst ihr ja Bescheid.

Eure Uta

Mittwoch, 16. April 2014

Glückliche Familie Nr. 213: Kinder loben?


Um Neujahr rum hatte ich geschrieben, dass ich eine Weiterbildung machen will, die von den Ideen Jesper Juuls inspiriert ist. Netterweise bietet das Institut einen Schnuppertag an, damit Interessenten eine Idee bekommen, ob das wirklich was für sie ist. Zum Glück! Denn das Schnuppern ergab: das ist nichts für mich.
So wie ich Jesper Juul in seinen Büchern und bei einem Vortrag kennen gelernt habe, wäre das auch nichts für ihn.

So viel Herumstochern in der eigenen Kindheit, so viel Betroffenheit, so viele Tränen - irgendwann schlurfte auch ich ganz niedergeschlagen durch die Fortbildungsstätte. Und als ich abends mit meiner Reisetasche unterm Arm zur S-Bahn ging, fiel ich immer wieder in den Laufschritt. Ich konnte nicht anders. "Weg, nur weg von hier!"

Ich bin wirklich dafür herauszufinden, wer man ist und woher man kommt. Und wenn man damit abgeschlossen hat, muss man nicht weiter um sich kreisen und sich mit der "Und-was-macht-das-jetzt-mit-dir"-Frage befassen. Denn meistens macht das Tränen.

Dass man selber keine Leiche im Keller haben sollte, wenn man als Familienberater tätig werden will, hatte ich verstanden, als ich eine halbe Stunde geschnuppert hatte. Ich finde auch Supervision gut und alles. Aber wo sind die Ansätze, die uns im Familienalltag weiterhelfen? Wie werden aus Kindern Erwachsene, die nicht in Gedanken an ihre Kindheit Seminarräume fluten? Wie können Eltern ihren Kindern ein gesundes Selbstgefühl mit auf den Weg geben?

Nach der Seminar-Erfahrung hatte ich die Juul-Bücher in den vergangenen Wochen beiseite geschoben. Hatte ich den Dänen falsch verstanden oder nur herausgelesen, was mir genehm war?

Aber gestern wagte ich es und hörte ein Kapitel aus seinem Buch "Familienberatung. Perspektiven und Prozess."  und war wieder ganz begeistert. Denn da sagt er konkret, was für ein gesundes Selbstgefühl von Kindern förderlich ist.

Ich fasse das mal mit eigenen Worten zusammen*:

Juul unterscheidet zwischen Selbstvertrauen und Selbstgefühl.

Selbstgefühl       =   Gefühl dafür, wer ich bin; Fokus liegt auf dem Sein

Selbstvertrauen  =   Gefühl dafür, was ich kann; Fokus liegt auf dem Können


Das Problem beim Selbstvertrauen ist, dass es zusammenbricht, wenn die Erfolge ausbleiben, wenn die Mathearbeit daneben geht, beim Bloggen die Kommentare ausbleiben, der Kuchen misslingt, auf der Party niemand mit einem spricht.

Die meisten Eltern gehen von Klein auf bei ihren Kindern auf die Schiene "Selbstvertrauen".
"Du kannst aber toll schaukeln." - "Mensch, so eine stattliche Burg hast du gebaut." - "Versuche, das Dach noch spitzer zu malen, dann sieht es wirklich aus wie ein Haus."

Das ist gut gemeint (ich habe das auch getrieben, bis Kronprinz sich als bester Burgenbauer, Bobbycar-Pilot und Kletterwandbezwinger aller Zeiten fühlte).

Die Kinder aber wundern sich. "Ich habe doch einfach nur Spaß oder ist das hier auf dem Spielplatz ein Wettbewerb? Na ja, Mama und Papa scheinen das so zu verstehen, dann will ich mich mal tüchtig anstrengen. Einfach buddeln und genießen scheint bei den Großen nicht so anzukommen. Und das ist mir natürlich das Wichtigste, dass Mama und Papa mich toll finden. Also rutsche ich jetzt mal nicht einfach so aus purer Lust an der Geschwindigkeit und an dem Wind um die Ohren, sondern weil die Großen mich dann loben."


"Du kannst aber gut klettern!" Es würde mich nicht wundern, wenn ich damals so etwas gesagt hätte. 

Juul meint, das Kind lerne so, die Aufmerksamkeit von sich selbst wegzulenken und sich nach und nach nur noch auf die Beurteilung der Eltern auszurichten.

Wenn das eine Weile so geht auf dem Spielplatz, bekommt man Kinder mit Selbstvertrauen, aber wenig Selbstgefühl, Kinder, für die später eine Welt zusammenbricht, wenn die Lehrerin sie kritisiert oder eine Arbeit schlecht ausfällt.

Und was stärkt das Selbstgefühl?

* Dem Kind auf der Rutsche zuwinken und rufen: Du hast Spaß, oder? (eine Reaktion als Bestätigung ihres Seins wollen sie schon, aber keine Leistungs-Einstufung)

* Sich Mitfreuen an ihrem Tun, zusammen Spaß haben, kuscheln, kitzeln

* sie nicht ständig warnen: Pass auf, die Rutsche ist steil! Vorsicht, da liegt eine Scherbe! Klettere lieber nicht auf die Mauer, du könntest runterfallen! Ständige Sorgen und Ermahnungen berauben sie der eigenen Erfahrung und schwächen ihr Selbstgefühl.

* sich für das selbstgemalte Bild bedanken, zum Ausdruck bringen, dass man sich freut, vielleicht noch sagen, was man dabei empfindet ("huch, das wirkt auf mich richtig unheimlich"), aber sich nicht als Zeichenlehrer aufspielen ("die Sonne ist aber doch nicht blau", "hier noch eine Linie, dann ist es perfekt").

* im Großen und Ganzen teilhaben an ihrem Erleben, ohne immer gleich zu bewerten, was sie tun

Natürlich ist es gut, das Kind für eine tolle Leistung anzuerkennen und auch mal so Dinge zu sagen wie: "Ich bin wirklich beeindruckt, wie schnell du Radfahren gelernt hast." Aber was man vermeiden sollte, ist dieses Preisen jedes Krikel-Krakel-Bildes und diesen Dauer-Lobe-Modus.

In diesem Modus war ich auch. Und das ist jetzt mal so ein Punkt, den ich wirklich anders machen würde, wenn Kronprinz (16) und Prinzessin (13) noch einmal klein wären. Aber ich muss da jetzt nicht drüber reden, was das mit mir macht. Echt nicht.

Immer fröhlich das Leistungs-Loben lassen und die Ostertage genießen

Eure Uta

* Ich beziehe mich dabei auf "Jesper Juul. Familienberatung. Perspektiven und Prozess. Hörbuch erschienen am 19.12.2013, die Stelle, die man erreicht nach etwa zwei Stunden Hören.

Freitag, 11. April 2014

Glückliche Familie Nr. 212: Die Todesanzeige


In dieser Woche hatte ich ein Treffen einer Arbeitsgruppe von Eltern, die sich an unserer Schule gebildet hat. Worum es da inhaltlich geht, spielt jetzt keine Rolle. Bei diesem Treffen habe ich mich mit Äußerungen zurück gehalten. Die anderen waren so in Schwung, da wollte ich sie nicht ausbremsen. Rechthaberei und Besserwisserei kann ich sowieso nicht leiden. Und da ich weiß, dass ich eine Neigung dazu habe, halte ich in solchen Situationen lieber den Mund.

Schon in der Schule sagte mein Deutschlehrer: "Uta, wenn deine Meldung wieder mit einem 'aber' beginnt, nehme ich dich nicht mehr dran."

Mir ging bei dem Treffen der Elterngruppe vieles durch den Kopf, sicher auch die Angst, alleine da zu stehen mit meiner Meinung.

Ich bin früher gegangen, habe das Auto gewendet im kalten Licht einer Tankstelle und bin ein wenig niedergeschlagen nach Hause gefahren.

Bin ich zu abwägend, zu verschlossen, zu kontrolliert, zu feige?

Rechthaberei ist blöd, wirklich. Aber dieses "Sich-nicht-zeigen", "Sich-als-Person-nicht-einbringen", "Mit-seiner-Meinung-hinterm-Berg-halten" kann einen sogar krank machen.

Meine Trainerin beim Coaching sagte mal sinngemäß:
Auf manchem Grabstein könnte man draufschreiben: "Paket geht ungeöffnet an Absender (Gott) zurück." 
So ein ungeöffnetes Paket will ich nicht sein.

Ich zeige, wer ich bin, "kippe die Waagschalen um und fülle sie mit Wind" (Hilde Domin) und mache fröhlich den Mund auf. Ja, dann sagt man vielleicht mal was Falsches, dann steht man vielleicht mal alleine da. So what!

Kürzlich entdeckte ich in der Zeitung eine Todesanzeige, über die der Satz stand:

"Es liegt keine Tragik im Ende eines erfüllten Lebens."

Ist das nicht ein wunderbarer Satz?  Mir imponiert die Dankbarkeit für ein gelebtes Leben und die Akzeptanz des Todes, die darin steckt. Dabei ist 74 ein Alter, bei dem viele Angehörige schreiben würden: "viel zu früh" oder "wurde jäh aus unserer Mitte gerissen".

Dies ist die Anzeige. Ich habe sie anonymisiert und mir erlaubt, sie etwas fröhlicher zu gestalten.






Das mit der Eltern-Arbeitsgruppe ist nur ein höchst profanes Beispiel aus meinem Alltag. Aber mein kleiner Blues danach hat mich an diese Todesanzeige erinnert und daran, dass es nicht gut ist, mit seinen Überzeugungen, Ideen und Talenten hinterm Berg zu halten.

Für mich ist ein Tag ein erfüllter Tag, wenn ich mir selbst treu geblieben bin.

Was ist für euch ein erfüllter Tag?

Womit haltet ihr hinterm Berg?

Immer fröhlich alles auspacken, was in euch steckt.

Eure Uta

Montag, 7. April 2014

Glückliche Familie Nr. 211: Das Ei im Unwetter


Manchmal gerate ich in einen Zustand der Verbiesterung.

Verbiesterung geht so: Man entwickele die Vorstellung, Sohn oder Tochter sei zu (und jetzt beliebig einsetzen)

  • zu faul / fleißig
  • zu aufgedonnert / schlampig gekleidet
  • zu widerborstig / angepasst
  • zu schlecht / gut in der Schule
  • zu verwöhnt / vernachlässigt vom Vater
  • zu snobistisch / anspruchslos
  • zu eitel / achtlos, was das Äußere angeht
  • zu extrovertiert / verschlossen
  • zu frech / harmlos
  • zu gesund / ungesund ernährt
  • zu chaotisch / stromlinienförmig

Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Für welche schlechte Eigenschaft ihr euch auch immer entscheidet, wichtig ist das "zu". Zu eitel, zu widerborstig, zu gut in der Schule (Letzteres wird seltener von Eltern gewählt) ...

Jetzt müsst ihr nur noch ein verkniffenes Gesicht aufsetzen (passiert automatisch, wenn ihr euch einseitig auf eine Eigenschaft festgelegt habt), dann ist die Verbiesterung fast fertig. 

Aber erst, wenn ihr nicht zuhört, keine Fragen stellt und euch in eurer Vorstellungswelt verschließt, erreicht ihr die perfekte Verbiesterung.

Jetzt flutscht es richtig: jedes Ereignis, jede Äußerung wird im Schnellverfahren zur Bestätigung der gewählten Vorstellung genutzt. "Hab' ich doch gleich gesagt, gedacht, gewusst ..."

Ebenso automatisch beginnt der Verstand, die gewählte und als schlecht bewertete Eigenschaft des Kindes dem Partner in die Schuhe zu schieben. Ihr und ich, wir sind ja seit Anbeginn der Zeitrechnung auf der Seite der Guten und haben da auch keine Frage zu. Aber er hat schon immer und das kommt auch aus seiner Familie, also aus meiner garantiert nicht ...


Ja, fotografiert ihr mal Verbiesterung! Deshalb hier das Stilleben auf unserem Klavier. (Das Nelson-Mandela-Bild ist ein Werk des Kronprinzen, 16).

Ich hatte für meine Verbiesterung die Eigenschaft "snobistisch" gewählt. Eines meiner Kinder wollte eine Regenjacke, die teuer war und gut aussah, aber für einen Regenguss etwa so geeignet war wie eine Seidenbluse für eine Schneeschuhwanderung.

Ich kaufte die Regenjacke nicht.

Das war in Ordnung. Und auch das Kind fügte sich in diese Entscheidung. Aber seit dieser Diskussion gab ich der Vorstellung Nahrung, mein Kind sei ein Snob.
Als wir mit der ganzen Familie am Wochenende im Auto saßen, referierte ich die Kaufhausszene und setzte hinzu: "Man muss ja nicht in jedem Unwetter aussehen wie aus dem Ei gepellt." Ich schaute trotzig in den Außenspiegel. Was ich da sah, ließ mich erschrecken, aber nicht aufhören.

"Ich sehe übrigens an seinen Augenfältchen, dass Papa grinst", meinte das betroffene Kind hinten von der Rückbank. Da hatten wir es also wieder, der Soßenkönig fiel mir in den Rücken. Ich war komplett in der Verbiesterungsschleife und fand weitere Belege für meine Snobismus-Theorie: die Klagen über das Gästebett, das zu hart war, die Wünsche, welches unser nächstes Auto sein sollte, die Wahl des größeren Stück Kuchens und die Bitte, bei einem Wochenendseminar, das unser Kind demnächst alleine besucht, nicht mit einem fremden Kind das Zimmer teilen zu müssen.

Das klingt jetzt launig, aber die Stimmung in der Katzenklo-Familie war schon mal besser. Und wie es sich bei einem Glückliche-Familie-Blog gehört, gab es ein Happy-End: ich fand aus der Verbiesterung heraus (Mensch, der Nacken wird auch so steif dabei), gab dem vermeintlichen Snob zu verstehen, für welchen seiner Wünsche ich durchaus Verständnis hätte (nein, nicht die Regenjacke, sondern das Einzelzimmer beim Seminar) und versprach, mich um eine Lösung zu bemühen.

Und siehe da: wir hatten das beste Gespräch, das Kind bot von sich aus an, doch in das Doppelzimmer zu ziehen und meinte schließlich, es werde mit der Situation schon zurecht kommen.

Also weg mit der Verbiesterung und den Vorurteilen über das eigene Kind, Wünsche erst einmal hören und nicht sofort abwerten.

Bei welcher angeblichen Eigenschaft eures Kindes werdet ihr so richtig biestig?

Immer fröhlich bleiben

Eure Uta

Ps: Den Post-Titel habe ich natürlich gewählt, um euch schon ein wenig österlich zu stimmen.


Donnerstag, 3. April 2014

Glückliche Familie Nr. 210: Die Über-Psychologisierung


Meine jüngste Buch-Anschaffung stammt von einer Österreicherin, die ein Lern- und Beratungsinstitut für Familien gegründet hat. In dem Buch hat sie Gespräche mit Eltern aufgezeichnet. Es sind Mütter - zum Teil auch Väter - , die erzählen, wie es ihren Kindern in der Schule ergeht und was sie unternommen haben, um sie zu unterstützen.

So weit, so gut.

Bis ich zu dem Kapitel kam, in dem eine Frau schildert, dass ihre sechsjährige Tochter Rebecca häufig nicht zur Vorschule gehen möchte.

"Ich habe zu ihr gesagt, dass es in Ordnung ist, dass sie nicht in die Schule gehen will. Ich will auch mehr darüber wissen, warum das so ist. Das heißt nicht, dass sie gleich zu Hause bleiben darf, es heißt lediglich, dass ich mich für das Nein meines Kindes interessiere."

Das klingt gut, "sich für das Nein meines Kindes interessieren". Aber je mehr ich las, desto häufiger kritzelte mein Bleistift Comik-Blasen an den Rand des Textes:

"Äh?" - "Oh, mein Gott." - "Kreisch". -  "Ich kriege die Krätze."

Von Satz zu Satz wurde deutlicher, dass diese Mutter das "System Schule" ablehnt und dass das Mädchen die Schul-Ablehnung der Mutter übernimmt.

"Jeden Tag, wenn sie in der Früh aufwacht und sagt: 'Ach, ich will nicht in diese Babyschule gehen. Die lassen mich nicht Rebecca sein. Ich will dort nicht hin....' wenn sie das sagt, dann denke ich mir: 'Bleib lieber zu Hause und schlaf noch ein bisschen.'"

Die Mutter berichtet schließlich, dass das Mädchen schon seit drei Wochen immer häufiger nicht zur Schule will.

Wundert uns das?

Und auf einen Satz wie "Die lassen mich nicht Rebecca sein" kommt keine Sechsjährige von alleine. Da findet eine Über-Psychologisierung statt, die das Kind überfordert und ihm massiv schadet.

Da platzt mir echt der Kragen.

Dieses Kind darf nicht Rebecca sein, weil es so sehr wie Mama sein muss, weil es in erster Linie mit seiner Mutter kooperiert und spürt, dass deren Weltbild schwer erschüttert würde, wenn Klein-Rebecca die Hände in die Hüfte stemmen und rufen würde: "Komm, Mama, reiß dich zusammen, ich schaffe das schon!"

Ihr wisst, wie wichtig es mir ist, dass ein Kind der Mensch werden darf, der in ihm angelegt ist.

Ihr wisst auch, dass ich nicht alles toll finde, was in unseren Schulen läuft.

Aber wenn ein Kind damit aufwächst, dass seine Eltern von Schule sprechen, als wäre das ein Einsatzort für Amnesty International, sind die Schwierigkeiten vorprogrammiert.

Und wenn - laut Aufzeichnung - die Beraterin nur die Äußerungen der Mutter spiegelt und am Ende des Gesprächs lediglich sagt: "Das wünscht du dir sehr, dass Rebecca Mensch sein darf in der Schule, die sie gerade besucht, oder?" finde ich, dass manchen Leuten wirklich die Maßstäbe verloren gehen.

Als Beraterin hätte ich schwer an mich halten müssen, um bei der Frau nicht Methoden anzuwenden, die Amnesty doch noch auf den Plan gerufen hätte.

Denn was die Mutter an der Vorschule störte, waren so Dinge wie, dass die Erzieherin dem Mädchen beim Gang auf die Toilette zu viel Unterstützung aufgedrängt hätte. Und deshalb werde das Kind nicht in seiner Individualität wahr genommen. Ja, geht's noch?

Gerade die Mütter, die sich so sehr Stärke und Selbstbewusstsein für ihr Kind wünschen, schwächen es mit diesem übersteigertem Schutzbedürfnis.

Kuscheltiere gewaschen, damit ich mich nicht so aufrege. 

Ich wünsche Rebecca,
  • dass ihre Eltern sie in Ruhe lassen mit all ihren Bedenken und Sorgen
  • dass sie ihr zutrauen, auch mit Situationen oder Lehrern zurecht zu kommen, die nicht optimal sind
  • dass ihre Eltern ein Gespür dafür entwickeln, wann sie wirklich Partei für ihr Kind ergreifen müssen 
  • dass das Leben für Rebecca kinderleicht sein darf

Immer fröhlich den Kindern ein Halt sein und kein überempfindlicher Seismograph ihrer Befindlichkeiten

Eure Uta

Montag, 31. März 2014

Glückliche Familie Nr. 209: Eigenliebe der würdevollen Art


Als Prinzessin (13) am Wochenende zur Konfirmanden-Freizeit aufbrach, trug sie ein Shirt mit dieser Aufschrift.




Ich musste grinsen und war gespannt, ob der Pfarrer sie auf dieses Motto ansprechen würde.

Ich habe kein Problem damit. Im Gegenteil: nur jemand, der sich selber lieben kann, kann auch andere aufrichtig lieben. Wenn bei einem selber der Speicher leer ist, ist da nichts mit Überfließen, sich Verströmen, Überschwappen. Wenn man sozial handelt, weil andere, die Gesellschaft, die Kirche oder wer auch immer das von einem erwartet, überklebt man die innere Leere mit einem warm-bunten Etikett. Man holt sich die Anerkennung anderer, um einen Mangel bei sich selber auszugleichen. Und obwohl man vordergründig etwas für andere tut, benutzt man sie letztlich, um sich selbst besser zu fühlen.

Also ist "Love yourself first" doch ein gutes Motto für ein anderes Leben, oder?

Tom Hodgkinson empfiehlt vor allen Müttern eine gesunde Selbstliebe:

"Die beste Eigenschaft, die eine Mutter ihren Kindern bieten kann, ist ihr eigenes Glück, ihre Zufriedenheit, ihr Wohlbefinden ... Und damit meine ich nicht, dass sie eitel und selbstsüchtig nur auf ihr eigenes Vergnügen ausgerichtet sein soll. Ich meine das, was Rousseau amour-propre nennt, Eigenliebe von der würdevollen Art, und nicht amour de soi-même, also Eigensucht." (Tom Hodgkinson: Leitfaden für faule Eltern, Reinbek bei Hamburg 2011, Seite 55)

"Eigenliebe von der würdevollen Art" - das gefällt mir und das geht mir zuweilen flöten. Und weil ich weiß, dass das auch schlecht ist für meine Beziehung zu meinem Mann und für meine Kinder (da kriegt mich der Altruismus dann wieder) werde ich aktiv im Sinne von "Love yourself first".

Man kann nämlich etwas tun. Es ist kein "man hat es oder man hat es nicht" und dann resignatives Schulterzucken und ausgiebiges Jammern.

Was zum Beispiel hilft, ist, so zu tun als ob. Also so zu tun, als ob man von einer tiefen Liebe zu sich selbst erfüllt sei. Das Interessante ist, dass bei dem "So-zu-tun-als-ob" der erwünschte Zustand hinterher stolpert und sich nach und nach tatsächlich einstellt.

Beispiele:

Ich habe eigentlich keine Lust, mich nach dem Duschen mit Bodylotion einzucremen, tue es aber trotzdem, genieße den Duft, fühle mich schöner, Selbstliebe-Pegel steigt.

In unserer Straße sehe ich die alte Dame wieder, die am Rollator spazieren geht. Immer wenn ich sie sehe, ist sie dezent geschminkt und trägt einen aparten Hut. Wir können davon ausgehen, dass sie nicht zu einem Vorstellungsgespräch rollert. Sie macht es für sich. Als Ausdruck ihrer Würde.
Am anderen Morgen kommt mir diese alte Dame in den Sinn. Statt in die Ach-so-bequem-Jeans zu schlüpfen, wähle ich den Blumenrock, bekomme plötzlich Spaß, das neue Tuch dazu zu kombinieren, gehe automatisch ein bisschen aufrechter aus dem Haus, Selbstliebe-Pegel steigt.



Im Haus und beim Schreiben nerven mich Klunker am Handgelenk oder dicke Ringer am Finger, aber in der Öffentlichkeit sind sie einfach ein Statement. Deshalb habe ich ein Körbchen mit Armreifen und Ringen gleich neben den Schlüsselkorb an die Haustür gestellt. Handtasche schnappen, Autoschlüssel, Klunker und sich draußen besser fühlen, Selbstliebe-Pegel steigt.




Mich treibt der Hunger vom Schreibtisch in die Küche. Dort bin ich allein, weil die Kinder heute über Mittag in der Schule sind. Obwohl ich keine Lust habe, nur für mich zu kochen, schneide ich Gemüse und mache mir eine leckere Suppe, zum Beispiel diese hier. Ich setze mich mit Blick in den Garten an den Tisch und genieße jeden Löffel, Selbstliebe-Pegel steigt.


Nein, ich koche nicht mit Tulpen, aber die Gemüsesuppe war schon aufgegessen, deshalb musste ich euch diese unglaublichen Tulpen zeigen, die ich am Wochenende ins Beet gesetzt habe. 


Immer fröhlich sich auf würdevolle Art selber lieben

Eure

Uta