Dienstag, 16. September 2014

Glückliche Familie Nr. 241: Nicht mehr bei der Eltern-Polizei


Vor mehr als einem Jahr habe ich darüber berichtet, dass wir Prinzessin (jetzt 13) nicht mehr kontrollieren bei den Hausaufgaben und beim Medienkonsum (hier und hier).

Die neue Freiheit ist Gewohnheit geworden, schöne Gewohnheit. Wenn Prinzessin Hilfe braucht, fragt sie uns gelegentlich. Und weil sie es dann ist, die die Initiative ergriffen hat, ist die Stimmung gleich ganz anders.

Schulisch hat sich kaum etwas verändert. Ohne unsere Kontrolle läuft es genauso wie vorher mit Kontrolle. Nur dass wir es zu Hause viel schöner haben.

Ich finde es wunderbar, nicht mehr bei der Eltern-Polizei zu sein. Ich kenne so viele Mütter und Väter, deren Verhalten gegenüber ihren Schulkindern durchtränkt ist von der Haltung: "Ohne mich läuft das nicht für Marie/Lukas/Carl/Leopold ... in der Schule." - "Wenn ich nicht den Turnbeutel packe, fehlt wieder die Hälfte." - "Wenn ich nicht ans Vokabel-Lernen erinnern würde, würde mein Kind in Englisch völlig absacken." "Wenn ich nicht ..." Um wen geht es hier eigentlich?

Auf Elternabenden selbst von Teenagern erlebt man Eltern, deren Wortbeiträge verraten, dass sie genau im Bilde sind, welches Buch in Englisch oder Geschichte gerade verwendet wird.
Je gebildeter die Eltern sind, desto schlimmer, weil sie fachlich dann erst abgehängt werden, wenn wir uns dem Abitur nähern.

Oder es endet früher, wenn man gesunde Kinder hat, die irgendwann bockig werden wegen ihrer  übergriffigen Eltern. "Da habe ich für Tim alles herausgesucht über die Pharaonen und die Grabbeilagen und was ist der Dank dafür? Pampig wurde er, weil er meine Schrift nicht lesen konnte."

Das mit dem Helfen ist ja verständlich. Laut einer Bertelsmann-Umfrage helfen 80 Prozent der Eltern in Deutschland ihren Kindern beim Lernen für die Schule. Jeder hat Angst, dass das eigene Kind abhängt würde, wenn man nicht hilft. Weil ja alle helfen ...

Gegen helfen spricht ja auch nichts. Wenn man sein Kind irgendwie unterstützen kann, ist das doch schön. Das machen wir - auf Anfrage - auch. Ich möchte aber nicht wissen, wie viel Stress und Streit es in Millionen Familien wegen der Schule gibt.

Jemand Kluges hat mal gesagt, es gibt nur zwei Gefühle: Liebe und Angst.


Pastorales Schmuckbild. 


Wenn also die Angst (vor der nächsten Prüfung, vor schlechten Noten ...) alles bestimmt, kann es gleichzeitig keine Liebe geben.

Amen.

Ehe das Pastorale mit mir durchgeht, schreibe ich mal auf, was mir geholfen hat, bei Schulsachen loszulassen:

  • Bei Kindern über 12 Jahren nur helfen, wenn sie darum bitten.
  • Fragen, welche Form von Unterstützung sie möchten.
  • Jüngeren Schulkindern helfen, den richtigen Ort, die richtige Zeit und Dauer für Hausaufgaben zu finden.
  • Wenn man hilft, dann den Humor dabei nicht verlieren. Wenn es zu verbissen wird, unbedingt Quatsch machen zwischendurch (Stift quer im Mund und singen, ablästern über die Leute auf den Schulbuchfotos, englische Texte in katastrophaler Ausprache lesen, philosophieren über den tieferen Unsinn mathematischer Textaufgaben ... )  
  • Lern-Ende und Belohnung vereinbaren (ich meine jetzt keine Rolex und keinen Zirkusbesuch, sondern einen Keks, eine Runde tanzen, eine Massage, eine halbe Stunde Chatten)
  • Wenn mehrere Klassenarbeiten bevorstehen, macht Prinzessin einen Wochenplan, in dem sie sich einträgt, an welchem Tag sie für welches Fach lernen will. Oft besteht die einzige Unterstützung, nach der sie fragt, darin: "Machst du mit mir einen Wochenplan?" Ich bin nämlich bekannt dafür, dass ich freie Zeit, Erholung und Spaß großzügig schraffiere. 
  • In der Grundschulzeit vom Kronprinzen (heute 16) habe ich mir großen Stress gemacht, weil er kaum stillsitzen konnte und sich das Rechnen von zwei Mathepäckchen über Stunden hinziehen konnte. Im Rückblick würde ich sagen, dass ich das viel zu wichtig genommen habe und der Bursche genau wusste, dass er mit diesem Thema meine Aufmerksamkeit bekommt, leider negative Aufmerksamkeit. 
  • Daraus habe ich gelernt: Wenn ein Grundschulkind seine Hausaufgaben nachmittags zu Hause macht und es läuft nicht, muss ich als Eltern eine Zeit dafür festlegen und ein klares Ende setzen. 
  • Der Lerneffekt von Hausaufgaben in der Grundschule ist höchst umstritten. Die große Studie über Unterrichtsqualität des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie hat gezeigt, dass Hausaufgaben in der Grundschule wenig bringen und erst in höheren Klassen den Lernerfolg fördern. (Martin Spiewak: "Hettie-Studie: Ich bin superwichtig!",  ZEIT-online, 14.1.2013). Also ruhig Blut in der Grundschul-Zeit. 
  • Mir hat geholfen, mit der Lehrerin von Kronprinz zu sprechen und ihr unseren Stress zu schildern. Sie war eine sehr erfahrene und mütterliche Lehrerin, die ihre letzte Klasse vor der Pensionierung hatte, und sie meinte: "Sie sorgen dafür, dass er sich eine halbe Stunde hinsetzt und seine Aufgaben macht. Und was er nicht schafft, schafft er nicht. Dann schreiben sie einfach eine Notiz ins Heft: 'heute ging einfach nicht mehr, das Wetter war zu schön, die Freunde klingelten, es hatte plötzlich geschneit, was auch immer." Das hat uns total entlastet. Danach ging es besser. 

Immer fröhlich darauf achten, dass man als Mama oder Papa kein ängstlicher Lern-Polizist wird.

Eure Uta

PS: Ich möchte euch dringend in der aktuellen ZEIT den Artikel "Wir sind keine Sorgenkinder! Schulstress, Bewegungsmangel, Computersucht - und dann noch überforderte Eltern: Ist es wirklich so furchtbar in Deutschland aufzuwachsen? Keineswegs. Den Kindern geht es so gut wie nie zuvor" von Martin Spiewak ans Herz legen. Ganz, ganz spannend, wie wir Deutschen die Kinder und die Eltern schlecht reden.

Meine Lieblingsstelle: "Die Flut der Erziehungsratgeber wird stets als Ausdruck einer Verunsicherung der Eltern interpretiert. Man kann aber auch sagen: Eltern halten Erziehung für wichtig. Sie sind lernbereit. Es gibt seit Jahren eine Flut von Kochbüchern. Niemand würde sie als Zeichen für den Verfall der Kochkünste anführen. "

Dienstag, 9. September 2014

Glückliche Familie Nr. 240: Die Liste


Auf einem Zettel in der Küche notiere ich seit einiger Zeit, welche Punkte ich am wichtigsten finde bei der ganzen Erzieherei.

Hier sind sie: persönlich und professionell, eine Mischung aus Wissenschaft und eigenen Studien, nicht jedermanns Sache, aber mein Herzensanliegen:

Bei einigen Punkten verlinke ich die dazugehörigen Posts.

Los geht's:
  • Wenn ich ein Baby habe, lasse ich es nicht schreien. Natürlich schreit es mal, auch stundenlang. Und ich bin fertig und verzweifelt, weil ich nicht weiß warum. Aber ich erhebe das Schreienlassen nicht zur Methode, so nach dem Motto: "Das härtet ab", sondern suche mir Unterstützung, wenn ich nicht weiter weiß. Feinfühligkeit bei Kleinkindern
  • Was hilft, ist für jeden etwas anderes. (Vergangene Woche unterhielt ich mich mit einem Osteopathen. Der erinnerte sich mit Schrecken an die Dreimonats-Koliken seiner kleinen Tochter. Was schließlich half, waren Fußreflexzonenmassagen.) Aber es darf bei Babys kein Alleinlassen oder Ignorieren sein.
  • Ich reagiere feinfühlig und prompt auf mein Baby. Ich achte auf seine Signale. Wann hat es Hunger? Wann braucht es Trost? Wann will es spielen? Feinfühligkeit bei Kleinkindern
  • Körperliche Nähe gibt es im Überfluss: Auf dem Arm halten, streicheln, kuscheln, zusammen lachen, kitzeln, sich Zeit nehmen beim Wickeln ...  bei älteren Kinder den Rücken kratzen, massieren oder die Beine eincremen. (Die moderne Bindungsforschung ist sich gar nicht so sicher, welche Faktoren es braucht, damit Bindung entsteht, aber eines ist unstrittig: körperliche Nähe.) 
  • Wenn ich mein Kind in eine Krippe geben möchte, achte ich darauf, dass es mindestens ein Jahr alt ist. Ich suche eine Krippe aus, die standardmäßig eine vier- bis sechswöchige Eingewöhnung anbietet, ich also jeden Tag in diesen Wochen einige Stunden dabei bleiben kann. (Quelle: Interview mit Bindungsforscherin Fabienne Becker-Stoll, faz-net, 11.8.2014)
  • Wenn ich bei dieser Eingewöhnungszeit merke, dass die Atmosphäre nicht stimmt, die Erzieher weder ihren Beruf noch die Kinder lieben, weinende Kinder nicht getröstet werden, die Kleinen nicht angelächelt werden, nehme ich mein Kind und wir beide suchen das Weite oder eine andere Krippe.
  • Wenn ich mich entschieden habe, bei meinen Kindern zu Hause zu bleiben oder wieder in den Beruf zu gehen, lasse ich mich von anderen nicht abwerten für diese Entscheidung, egal wie sie ausfällt. 
  • Erziehungskunst besteht letztlich darin, dass ich erkennen kann, wann braucht mein Kind Hilfe/Nähe/Schutz, wann braucht es Freiraum/Selbständigkeit/Zeit für sich allein. Das gilt für Kinder jeden Alters und für jede Person, die Kinder betreut. Autonomie des Kleinkindes
  • Wenn es dem Kind gut geht, geht es den Eltern gut. Wenn es den Eltern gut geht, geht es dem Kind gut. Das ist ein Wechselspiel. Also sorge ich gut für das Kind und gut für uns. Mit Aufopferung ist niemandem gedient. 
  • Bei Kindern unter acht Jahren verwende ich keine Ironie. Sie verstehen es nicht und es verletzt sie.
  • Ich akzeptiere es, dass ich als Mama oder Papa eine familiäre Führungskraft bin. Bei aller Achtung vor der Autonomie der Kinder halte ich die Fäden immer in der Hand. 
  • Für die Stimmung in der Familie sind die Erwachsenen zu 100 Prozent verantwortlich.
  • Ich gebe selten Versprechen, aber wenn, halte ich sie ein.
  • Wenn ein Kind in einer wichtigen Sache um Erlaubnis fragt, gönne ich mir einen Zeitpuffer. "Ich muss darüber nachdenken, es mit Papa in Ruhe besprechen, eine Nacht darüber schlafen ..." Das erspart viel Ärger und lästige Diskussionen. Zwischen Reiz und Reaktion
  • Über einen Jungen im Grundschulalter (und auch noch bei Älteren) erfahre ich viel, wenn ich mich für seine Hobbys interessiere oder mit ihm zusammen bastele oder baue. Keine "Schau-mir-in-die-Augen"- Nummer oder "Wie-geht-es-dir"-Fragen! Das ist eher was für Mädels. 
  • Ich weiß, dass Jungs im Grundschulalter gerne raufen und höre auf, von Gewaltverzicht zu träumen. Ich verschaffe den Jungs viel Bewegung und sorge für Kontakt zu erwachsenen Männern, die ihnen Regeln beibringen. Jungen und GewaltMachos im weiblichen Biotop
  • Bei Jungs in der Pubertät kann ich (oder Papa) gute Gespräche führen, wenn wir zusammen joggen oder angeln gehen oder lange im Auto neben einander sitzen. 
  • Mit Teenagern zusammen am Tisch erzähle ich lieber von meinen Erlebnissen als sie verhörmäßig auszufragen. (Auf diese Weise kommen sie irgendwann auch ins Erzählen und man erfährt, was sie wirklich bewegt.)
  • Für mich ist meine Tochter das schönste Mädchen auf der Welt. (Und das gebe ich ihr zu verstehen, nicht den anderen Müttern.) Für dich sind deine Töchter die schönsten auf der Welt ....



  • Ich lasse völlig den Vorsatz fallen, als Mutter oder Vater gerecht sein zu wollen. Sonst ziehe ich Kinder groß, die ständig ein "Das ist aber ungerecht" auf den Lippen tragen, egal in welchem Überfluss sie leben. Die Gerechtigkeitsdebatte ist das Einfallstor für viel Geschwisterstreit. Ungerechte Eltern
  • Ich habe Freude an Bildung und teile diese Freude mit meinen Kindern. Wer ein Buch möchte, darf sich immer eins kaufen, ausleihen oder runterladen. Auch Kunst und Sport wird nach Kräften unterstützt.
  • Im Vorschulalter meiner Kinder achte ich auf die liebevolle Atmosphäre in einer Kita und lasse mich nicht von Früh-Englisch oder Ähnlichem blenden. In dem Alter funktioniert Lernen nur, wenn sich die Kinder liebevoll aufgehoben fühlen. Lernen bei emotionaler Sicherheit
  • Musik machen, Musik hören, Tanzen, Toben, Kissenschlachten - all das bringt Leichtigkeit ins (Familien-) Leben. 
  • Kinder brauchen die fröhliche Präsenz ihrer Eltern. Sie müssen nicht rund um die Uhr bespaßt werden. 
  • Wenn ich etwas mit dem Kind spiele oder unternehme, tue ich etwas, was mir auch selber Spaß macht. Für das Gehirn ist das eine unschlagbare Kombination: Bindung und Begeisterung. Da bilden sich schneller Synapsen, als man messen kann. Die Gähn-Attacke
  • Je besser die Beziehung zum Kind, desto leichter kann ich Einfluss auf das Kind nehmen. Gut zuhören
  • Eine gute Beziehung zu haben, heißt nicht, zu allem "Ja und Amen" zu sagen. Als Erwachsener muss ich zu meinen eigenen Grenzen stehen.
  • Kinder ab etwa 12 Jahren kann ich nicht mehr erziehen, aber ich kann sie unterstützen, mich für sie interessieren und Regeln des Zusammenlebens vereinbaren. 
  • Aber schon bei kleinen Kindern respektiere ich die unmittelbar körperlichen Bedürfnisse: schlafen oder wach sein wollen, Hunger haben oder satt sein, geküsst werden wollen oder nicht. 
  • Wenn ich die Grenzen meines Kindes überschreite (viel Zwang, Demütigungen, Herumkommandieren, Nicht-Respektieren ihrer Bedürfnisse...), kann ich sicher sein, dass dieses Kind spätestens in der Pubertät meine Grenzen überschreiten wird. Das Beziehungskonto
  • Ich sage mir immer wieder, dass es wahrscheinlich noch nie so schwierig war wie heute, Kindern eine Orientierung zu geben bei all den Lebensmodellen und Erziehungsstilen, die es gibt. Ich klopfe mir selbst freundschaftlich auf die Schulter und gönne mir was Feines. 
  • Für die eigene Persönlichkeitsentwicklung sind Kinder ideal, weil sie allein durch ihr Sein uns Erwachsene immer wieder in Frage stellen: Wer bist du eigentlich, Mama oder Papa? Für welche Werte stehst du?
  • Und schließlich kommt das Unvermeidliche: Immer schön fröhlich bleiben.

Eure Uta 


Dienstag, 2. September 2014

Glückliche Familie Nr. 239: Der kleine Neophobiker


Es ist passiert. Nach Jahren. Ganz unverhofft. Prinzessin (13) hat eine Scheibe Vollkornbrot gegessen. Einfach so. Ohne Druck, ohne Vortrag über Ballaststoffe. Nach mehr als einem Jahrzehnt mit Toast und knautschigem Kartoffelbrot. Wurden sonst aus Weißbrot noch die Sesamkörner heraus gepult, schluckte sie diesmal ganze Sonnenblumenkerne. Sie sagte nichts. Ich sagte nichts, konzentrierte mich nur darauf, dass mir die Augen nicht aus dem Gesicht fielen.




In solchen Momenten bin ich sehr froh. Froh, dass es geklappt hat mit dem Locker-Bleiben, froh, dass nicht Tod und Verderben eingetreten sind, weil ich die meiste Zeit keinen Druck beim Essen aufgebaut habe.

Mir sind das ja die allerliebsten Erziehungsmethoden, die sich zusammensetzen aus Gelassenheit und Respekt gepaart mit liebevoller Nähe und Interesse.

Die Sache mit dem Vollkornbrot ist deshalb so spektakulär, weil diese vor Körnern strotzende Scheibe das Ende von Prinzessins Neophobie markiert.

Neophobie ist die Angst vor etwas Neuem.

Ich gebe zu, dass wir damit spät dran sind. Mit dem Neophobie-Ende. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, dass bei allen Kindern rund um den Globus die Angst vor unbekannten Nahrungsmitteln  etwa mit 18 Monaten einsetzt und zwischen acht und zwölf Jahren wieder nachlässt.

Lasst euch nicht aus dem Konzept bringen von der Mutter, die beim Latte erwähnt, dass ihre Tilda-Sophie schon Oliven lutscht. Kleine Babys schlucken fast alles, was ihnen die Mutter reicht, Brust, Flaschennahrung, was auch immer. Denn sie wissen evolutionsbedingt, dass sie als Nesthocker nur überleben, wenn sie verzehren, was die Eltern bringen.

Wenn Kleinkinder allerdings laufen lernen und immer selbständiger in Wald und Flur Küche und Kita herumrennen, schützt sie die angeborene Abneigung gegen Grünes, Bitteres und Saures davor, etwas zu essen, was ihnen nicht bekommt.

"Ein vorbehaltlos von Gemüse, Früchten und Beeren begeistertes Kleinkind wäre zu 99 Prozent unserer Geschichte bald ein totes Kind gewesen!", schreibt Renz-Polster. 

Es kann sein, dass eure Kinder beim Essen überhaupt keine Probleme machen. Dann könnt ihr euch zurücklehnen und auf den nächsten Post warten. Aber die, die sich damit herumschlagen, dass ihr Kind Brokkoli, Rosenkohl und Erbsen für Teufelszeug halten, denen sei gesagt, dass ihr Kind völlig gesund und sehr evolutionsbewusst ist. Im späten Kleinkind- und Kindergartenalter erreicht die Neophobie gerne ihren Höhepunkt. Besonders bei ängstlichen und schüchternen Kindern.

Was ich damit sagen will: entspannt euch, es geht vorbei.

Trotz Neophobie gibt es Möglichkeiten, Kinder an gesundes Essen heranzuführen. Diese habe ich aus dem Buch "Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt" von Herbert Renz-Polster. Dieser ist nicht nur Kinderarzt, sondern auch Dozent am Mannheimer Institut für Public Health, wo er seit Jahren forscht, wie die Entwicklung von Kindern mit Hilfe der Evolutionstheorie besser verstanden werden kann. Ich bin erst im ersten Kapitel über Ernährung, konnte es aber nicht abwarten, gleich davon zu schreiben.

Hier also, was ich an Tipps daraus mitnehme:

  • Wichtig sind Vorbilder und Gewöhnung. "Kinder essen ... bestimmte Nahrungsmittel nicht deshalb, weil sie ihnen schmecken, sondern sie schmecken ihnen, weil sie immer wieder davon essen." (a.a.O., Seite 23)
  • Experimente zeigen, dass Kleinkinder Nahrungsmittel schließlich annehmen, wenn sie ihnen an aufeinanderfolgenden Tagen noch etwa zehn weitere Male angeboten werden. (Also, wenn euch das sehr wichtig ist mit dem Spinat ...)
  • Nicht anfangen, für Tilda-Sophie ein Extra-Essen zu kochen. Mal eine Lieblingsspeise, klar, und bei uns gab es neben Vollkornbrot meistens auch eines ohne Körner. Aber gewöhnt euch nicht an, immer zusätzlich ein Spezial-Essen für den kleinen Neophobiker zu kochen. So zieht ihr euch  - und das sage ich jetzt - keine selbstbewussten Kinder, sondern Aufmerksamkeits-Junkies heran, die glauben, das Leben hinge für sie voller Extra-Würste. 
und jetzt kommen meine Lieblingspunkte
  • Kein Zwang, kein Druck, bleibt locker und vor allem freundlich. "Studien bestätigen das: Ein- bis Vierjährige probieren ein neues Nahrungsmittel doppelt so häufig, wenn ein freundlicher Erwachsener davon zuerst nimmt!" (a.a.O., Seite 23)
  • Sorgt für Geschwister, ladet die etwas älteren Cousins oder Cousinen eurer Kinder ein, verbringt Zeit mit anderen Familien, deren Kinder gute Esser sind. Denn - so unser Evolutionsforscher: "Jeder weiß, dass kleine Kinder den etwas älteren Kindern ins Meer folgen würden - sie werden auch das essen, was diese essen." (a.a.O., Seite 28) 

Hier habe ich schon mal über meine Anstrengungen geschrieben, meinen Kindern gesundes Essen nahe zu bringen.

Immer fröhlich ein freundlicher Erwachsener sein, der vor der Nase der Kinder ein gutes Essen genießt.

Eure Uta

Dienstag, 26. August 2014

Glückliche Familie Nr. 238: Unechte Fragen


Am Sonntag nach dem Essen fragte ich den Kronprinzen (16), ob er mir beim Abwasch helfen würde.

Er sagte: "Nein."

Ich sagte: "Okay."

Während ich die Arbeit allein machte, war ich ganz im Reinen mit uns beiden. Denn mir fiel ein, dass ich Kronprinz am Vortag gefragt hatte, ob er die Spülmaschine ausräumen könnte. Und er hat es gemacht.

"Wer eine Frage stellt, muss auch mit einem 'nein' leben können."
Maria&Stephan Craemer, CoachingAcademie 


Häufig stellen wir Fragen und es sind gar keine. Es sind keine, wenn der andere nicht wirklich die Wahl hat, was er darauf antwortet. Denn wenn die Antworten "keine Lust", "keine Zeit" oder "warum ich schon wieder?" lauten, werden wir motzig. Dabei wollten wir doch wissen, wie die Befragten zu unserem Anliegen stehen. Und wenn sie ehrlich antworten, sind wir auch nicht zufrieden.


Spülen oder spielen?


Wenn ich den ganzen Tag frage: Räumst du den Tisch ab? Machst du endlich das Katzenklo sauber? Stellst du dein Fahrrad in den Schuppen? ... , sind es versteckte Befehle. Die funktionieren schlecht. 

Wenn ich will, dass meine Kinder den Müll herausbringen, dann muss ich es anordnen.

"Prinzessin, du bringst jetzt den Müll heraus. Danke." 

Ich merke, dass es besser läuft, wenn ich diese Klarheit habe: echte Frage oder klarer Befehl. Dann wissen sie, woran sie sind.

Inzwischen habe ich ein deutliches Gefühl, wann ich etwas anordnen möchte, weil es höchste Zeit ist, dass die beiden etwas im Haushalt tun, und wann ich einfach nett frage möchte, ob mir jemand bei einer Arbeit helfen könnte, und es auch okay ist, wenn ich ein 'nein' zu hören bekomme. Umso mehr freue ich mich, wenn sie mir in einer Situation zur Seite springen, in der ich gar nicht damit gerechnet habe. 

Das Entscheidende ist aber, dass wir alle kooperativer werden, wenn wir erleben, dass unser 'nein' respektiert wird. Wahrscheinlich sind das die Hauptgründe, warum es dann besser läuft: mehr Klarheit und mehr Respekt.

Das Schöne ist, dass ich es auch umgekehrt anwenden kann. Wenn Kronprinz mich fragt: "Kann ich heute dein Fahrrad nehmen?" und ich sage "nein" und dann der Welpenblick kommt, sage ich: "Du hast mich gefragt und heute lautet die Antwort 'nein'." Das Ganze dauert keine zwei Minuten.

Und hier noch ein Satz aus dem Coaching-Seminar:

"Wer nicht 'nein' sagen darf, der handelt 'nein'."

Wenn Eltern von ihrem Kind erwarten, dass es zum Ballett (Tennis, Karate, Geigenunterricht, Treffen mit Tante Klara) geht und das Kind nicht 'nein' sagen kann, weil die Erwartung wie eine Wolke im Raum hängt, wird das 'nein' sich einen anderen Weg bahnen: das Kind wird bockig bei der Wahl der Socken, rastet bei irgend einer Kleinigkeit aus, bekommt Bauchschmerzen, Ohrenweh, mysteriösen Hautausschlag.

Deshalb ist es gut, sich bei wichtigen Angelegenheiten zu fragen, ob das Kind wirklich 'nein' sagen darf. Darf es das nicht, sollte man lieber anordnen:

"Heute fahren wir zu Tante Klara. Ich weiß, dass du dich dort immer langweilst, aber du musst trotzdem mitfahren. Ich könnte dir allerdings anbieten, dass deine Freundin Anna mitkommen darf/ wir im Auto das neue Hörbuch hören ....."

Warum sollen wir Wahlmöglichkeiten suggerieren, wenn es keine gibt?

Alle Eltern lieben ihre Kinder. Alle Kinder lieben ihre Eltern. Nur häufig schaffen es die Parteien nicht, diese Liebe zu kommunizieren. Da wird nicht zugehört, da werden Vorwürfe gemacht, da wird jemand öffentlich lächerlich gemacht, da gibt es zu wenig Anerkennung, da wird viel zu viel geschimpft. 

Jesper Juul schreibt:
"Einer unserer dänischen Kinderspezialisten hat mal ein Projekt mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren durchgeführt. Sie haben dabei erfahren, dass 90 Prozent der befragten Kinder es so empfinden, dass Eltern 80 Prozent der Zeit, die sie mit ihnen verbringen, schimpfen. Die befragten Erwachsenen hingegen meinten, sie würden nur 10 Prozent der Zeit schimpfen." (Jesper Juul: Wir sind für dich da. 10 Tipps für authentische Eltern, Freiburg im Breisgau 2014, Seite 102)

Also immer fröhlich unterscheiden zwischen echten Fragen und klaren Anordnungen und nicht so viel schimpfen.

Eure Uta  

Freitag, 22. August 2014

Glückliche Familie Nr. 237: Betreuung, wirklich ganztags?


"Hast du das gelesen?" Der Soßenkönig schob mir dieser Tage die Zeitung über den Tisch. "Schon drei von vier Grundschülern in der Ganztagsbetreuung", lautete eine Überschrift.

Was dort als Erfolg für Hamburg gefeiert wurde, deprimierte uns beide. Als Grundschüler schon den ganzen Tag in der Schule?
Klar, das ist in manchen Fällen besser als allein oder verwahrlost zu Hause, besser als allein vor dem Fernseher oder Computer.
Aber als Kind in dem Alter immer unter Erwachsenenaufsicht? Immer kontrolliert, immer in einer vorgegebenen Struktur, immer pädagogisch angeleitet, immer beschäftigt von Erwachsenen?

Auf dem Schulhof ist aus Gründen der Haftung und Versicherung nicht einmal eine Schneeballschlacht erlaubt.

Kinder-Winter ohne Schneeballschlacht?

Gibt es für Kinder nicht mehr die Möglichkeit, nachmittags mit Freunden herumzustromern?

Banden bilden, Buden bauen, sich kloppen?

Im Gebüsch kauern und das alte Portemonnaie am Nylonfaden wegziehen, wenn sich ein Passant danach bückt?

Klingelstreiche, brettharte Kekse backen, Mehlschlacht?

Mit dem Rollbrett den Berg runterrasen, Verstecken spielen auf der Brachfläche, Spontanflohmarkt mit den staubigen Barbie-Puppen auf dem Bürgersteig?

Der Soßenkönig nahm einen Schluck Tee und erinnerte sich, wie er als Kind auf dem benachbarten Bauernhof zwischen den Heuballen gespielt hat. Und der alte Bauer durfte nicht wissen, dass er und die Mädchen vom Hof dort mit den Wachhund-Welpen spielten. Das war aufregend, anrührend, das stand in keinem Bildungsplan.

Meine Mutter hatte die beste Zeit ihres Lebens, als sie während des Krieges mit der Kinderlandverschickung auf einen Bauernhof im Münsterland gebracht wurde und dort mehr oder weniger sich selbst überlassen war. Noch heute erzählt sie am liebsten aus dieser Zeit.

Ich habe als Kind mit Freunden Unkrautsamen an der Bushaltestelle verkauft, Marmelade gekocht, bis die ganze Küche klebte, auf einer Wiese eine Schatzkiste mit rostigen Kronkorken verbuddelt und eine Seifekiste gezimmert, die in der ersten Kurve auseinander fiel.

Aber Vorstadtkrokodile scheint es nur noch auf DVD zu geben.

Selbst Eltern, die nachmittags daheim sind und Stützpunkt sein könnten für solche Abenteuer, lassen ihre Kinder nicht mehr zu Hause, weil diese auf der Straße niemanden zum Spielen finden. "Fast alle ihre Freunde sind ja in irgendeiner Betreuung", klagte meine Nachbarin, Mutter von zwei Grundschulkindern, mal.

Und den betreuten Kindern fehlt nicht nur der Kitzel des Lebens ohne Erwachsene, sondern auch Zeit für sich ganz allein. Keine Zeit mehr, sich mit der "Bravo" tagsüber im Zimmer einzuschließen, einen Ball selbstvergessen gegen die Mauer zu treten oder hinterm Schuppen zu träumen.
In der Schule ist man wegen der Aufsichtspflicht nie wirklich allein. Nicht einmal auf dem Klo. Jederzeit kann jemand unter den Türspalt gucken oder auf die Klinke hämmern.

Und wie ist das mit Trost und Nähe? Ist denn der Betreuungsschlüssel wenigstens so gut, dass das gegeben ist?

Meine Stepptanzlehrerin hat ihr Studio gegenüber einer Grundschule und bestreitet mit Kindertanz einen Teil des Programms der schulischen Nachmittagsbetreuung. "Du", sagte sie neulich, "die kleinen Mäusen wollen gar nicht mehr tanzen, die wollen alle nur auf meinen Schoß."

Ja, über die Schlagzeile "Schon drei von vier Gundschülern in der Ganztagsbetreuung" kann ich mich nicht recht freuen.











Ich habe mal überlegt, wie wir dem entgegensteuern können, selbst wenn Ganztagsbetreuung zum Standard werden sollte.

Tipps für mehr Freiräume für Kinder:

  • Wenn schon Ganztags-Betreuung dann mit großem Schulhof und viel Grün.
  • Im Garten verwunschene Ecken lassen, Büsche zum Verstecken sind wichtig und Bäume zum Klettern. Den englischen Garten kann man anlegen, wenn die Kinder in die Pubertät kommen.
  • Wer keinen Garten hat, könnte vielleicht einen Schrebergarten pachten.
  • Im Urlaub sind Campingplätze ideal. Meine Schwester Nummer 3 wohnt mit ihrem Sohn mitten in der Großstadt, aber seit Jahren fahren sie jedes Jahr im Sommer für drei Wochen auf einen Camping-Platz mit vielen Kindern. Dort kann mein Neffe von morgens bis nachts herumstromern, ohne dass sich meine Schwester Sorgen machen muss. Wenn die beiden zurück kommen, ist mein Neffe jedes Mal wie ausgewechselt: braun gebrannt, strohblond und hat jede Menge neuer Freunde. 
  • So ein kesseldruck-imprägniertes Klettergerüst mit TÜV-Plakette aus dem Gartencenter ist gut und schön, aber warum nicht eine Kiste mit Brettern, Seilen, alten Tüchern, Nägeln und Werkzeug in den Garten stellen und gucken, was passiert. (Das wäre auch eine Idee für die Nachmittagsbetreuung in der Schule, ich will mir aber nicht ausmalen, ob nicht wieder versicherungstechnische Gründe dagegen sprechen oder der Hausmeister ausrastet.) 
  • Das Buch "Leitfaden für faule Eltern" von Tom Hodgkinson enthält jede Menge Anregungen für mehr Freiräume für Kinder und Eltern.  
  • Sich fragen, ob volle Berufstätigkeit beider Eltern in der Phase Null bis 10 Jahre unabdingbar ist, ob wir wirklich einem Herzenswunsch folgen oder uns nur einer immer größer werdenden gesellschaftlichen Erwartung beugen. Wir werden doch sowieso immer länger arbeiten müssen. Warum dann dieser Stress? Die Jobs werden bleiben, aber die Kinder gehen garantiert aus dem Haus. 

Habt ihr zu Hause noch ein Vorstadtkrokodil? Ich würde mich freuen, wenn ihr mir von verwunschenen Ecken in eurem Garten oder selbst gezimmerten Baumhäusern und Buden in der Nachbarschaft berichtet oder Fotos schickt.

Immer fröhlich Freiräume für Kinder schaffen.

Eure Uta

Samstag, 16. August 2014

Glückliche Familie Nr. 236: Mission Maus


Es wird ja immer befürchtet, dass Jungs durch Computer- und Videospiele verrohen. Auch mir wird Angst und Bange, wenn ich im Augenwinkel sehe, wie Kronprinz (16) schießend und brandschatzend durch die virtuelle Welt zieht.

War es richtig, ihm den Wunsch nach diesem Spiel zu erfüllen? Sinkt die Gewalthemmung, stirbt das Mitgefühl?

Ein kleines Ereignis in dieser Woche lieferte die Antwort auf diese Fragen.

Kronprinz saß im Wohnzimmer an der Spielkonsole (diesmal spielte er allerdings "Fifa"), als unser Kater mit einer Maus im Maul von draußen kam. Während ich nichts unternahm, weil ich das für ein normales Mäuseschicksal hielt, sprang Kronprinz auf, verbaute dem Kater die Fluchtwege und packte ihn beherzt. Vor Schreck ließ der die Maus entkommen, die sich noch so guter Gesundheit erfreute, dass sie unters Klavier rennen und sich dort verschanzen konnte.

Kronprinz und ich lagen bäuchlings vor dem Instrument und leuchteten mit einer Taschenlampe darunter. Zwei Knopfaugen sahen uns an, der kleine Körper bebte. "Oh, wie süß", sagte der Kronprinz, während ich mich bei Überlegungen ertappte, wie lange es dauern würde, bis sich der erste Verwesungsgeruch im Wohnzimmer verbreiten würde.

Der Kronprinz aber war fest entschlossen, die Maus zu retten. Er zog einen Gartenhandschuh an die linke Hand und schob mit der Rechten behutsam einen Stock unter das Klavier, um die Verfolgte hervorzutreiben, zu greifen und nach draußen zu tragen. Die Mission schlug fehl. Sie förderte nur Wollmäuse zutage. Schließlich holte er aus dem Keller ein dickes Brett und bockte mit aller Kraft das Klavier auf. Jetzt konnte sich die Maus wieder bewegen. Sie rannte am Regal vorbei in die Ecke mit dem Bügelbrett und verschanzte sich dort. Die Playstation brummte, das Spiel lief weiter, aber ohne Kronprinz. Der hatte sich der "Mission Maus" verschrieben.

Er trieb und lockte, baute Fluchtwege und sprach Mut zu, hätte - wenn möglich - eine Pfote gehalten oder Blutdruck gemessen. Endlich schaffte es die Maus raus auf die Terrasse. Dort hockten die beiden: hinter dem Fallrohr von der Dachrinne das kleine bebende Tier, davor der Berserker aus der Playstation-Welt.
"Meinst du, sie hat innere Verletzungen?" fragte er. "Ich weiß es nicht", sagte ich und dachte: "Gleich wird er die Maus beatmen." Aber da huschte sie ins Gebüsch.


Gulliver - sieht harmlos aus, zeigt aber kein Mitgefühl für Mäuse. 

Ich bin fest davon überzeugt, dass Jugendliche verrohen, wenn sie selber roh behandelt werden, dass sie kein Mitgefühl entwickeln, wenn sie selber von klein auf kein Mitgefühl erfahren haben. Und dann tun Gewaltvideos oder blutrünstige Computerspiele vielleicht ihr Übriges.

Aber das Jugendliche, die in einem liebevollen Elternhaus heranwachsen, allein dadurch zu Gewalttätern werden, dass sie medial Gewalt ausüben, halte ich für völlig unwahrscheinlich.

Kinder brauchen - gerade wenn sie halbwüchsig sind - Eltern oder andere Menschen, die sich aufrichtig dafür interessieren, was für ein Mensch sie sind. Dazu gehört auch, ihre Vorlieben und Interessen zu respektieren, die sich naturgemäß nicht mit denen ihrer Eltern decken. Und wenn es Probleme gibt, sollte man sich möglichst ohne Vorverurteilung darum bemühen zu verstehen, was dahinter steckt.

Als eine Kollegin meiner ältesten Schwester erfuhr, dass einer ihrer Söhne eine Droge ausprobiert hatte, tankte sie das Auto voll, befahl den jungen Mann auf den Beifahrersitz und fuhr und fuhr mit ihm auf der Autobahn, bis sie die Nordsee erreicht und verstanden hatte, wie er sich in eine solche Situation bringen konnte. "Im Auto", erklärte sie, " da ist kein Entkommen, da kann man einfach am besten reden."

Sich immer fröhlich und vorurteilsfrei für die Halbwüchsigen interessieren, gute Zeit mit ihnen verbringen und sich wegen der Medien nicht den Kopf zerbrechen.

Eure Uta

Montag, 11. August 2014

Glückliche Familie Nr. 235: Feinfühlig und prompt


Im Urlaub habe ich weiter in dem Wälzer über Bindungstheorie gelesen (Karin Grossmann/Klaus E. Grossmann: Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit, Stuttgart 2012). Am Flughafen mussten wir das Buch aus meinem Koffer in einer anderen geben, weil wir sonst Übergepäck hätten zahlen müssen. Nur damit ihr eine Vorstellung davon habt, wie dick das Ding ist.

Wir waren auf Sardinien. Und wenn wir nicht am Strand waren oder geguckt haben, ob wieder Ameisen unser Brot aushöhlen, habe ich gelesen und gelesen. Jede Menge wichtige Stellen habe ich angestrichen, aber ich schreibe jetzt mal aus dem Kopf, was bei mir hängen geblieben ist.

Um bei kleinen Kindern (so etwa ein oder zwei Jahre alt) die Art der Bindung an ihre Mutter zu testen, wird eine sogenannte "fremde Situation" herbeigeführt: Mutter und Kind kommen in einen Raum. Dort findet sich eine für das Kind fremde Person und Spielzeug. Kind spielt, Mutter bleibt eine Weile da. Mutter verlässt den Raum, Kind ist irritiert, fremde Person tröstet, Mutter kommt wieder ...

Dem Verhalten des Kindes, wenn die Mutter wieder kommt, messen die Forscher eine große Bedeutung zu. Freut es sich über Mamas Rückkehr, lässt es sich kurz herzen und spielt dann weiter, machen die Wissenschaftler ein Kreuz bei "gesunde Bindung".

Als Anzeichen für eine nicht-sichere Bindung gilt: das Kleinkind lässt sich auch bei der Rückkehr der Mutter über längere Zeit kaum trösten und bleibt unruhig oder aber das Kleinkind gibt sich gleichgültig bei Trennung und Rückkehr, ist aber innerlich gestresst, weil es sein Bindungsverhalten unterdrückt.

Das letztgenannte Verhalten geht mir besonders ans Herz. Da haben schon Einjährige "gelernt", dass ihre Bezugspersonen es nicht so haben mit dem Trösten und Kuscheln und lernen eine sie selbst "belastende Selbstbeherrschung" (Grossmann/Grossmann, S. 168).  Einjährige!

Und wie vermeidet man einen solchen Stress für Kleinkinder?

Durch Feinfühligkeit.

Es zeigten diejenigen Kinder Bindungssicherheit und später auch Selbstsicherheit, wenn ihre Eltern von Anfang an feinfühlig auf ihre Bedürfnisse eingehen konnten, wenn sie erkannten, wann braucht mein Kind Trost und Nähe, wann braucht es Anregung und Spiel und wenn sie prompt auf die Signale eingingen.

Als ich in der sardischen Hitze über dem Buch brütete, fiel mir aber auch ein, wie ich den schreienden Kronprinz als Baby durch die Wohnung trug und ratlos war, wie ich dieses Bündel beruhigen sollte. Ich bin heute noch froh, dass keine Bindungsforscher auf dem Windeleimer hockten und ihre Kreuzchen machten: "Mutter erkennt nicht, wenn Kind sein Bindungssystem aktiviert." - "... ist hilflos bei Explorationsverhalten*."

Abends waren wir auf einem italienischem Landgasthof essen. Und besser als in jedem Bindungsbuch konnte ich dort studieren, wie es geht: Auf einer großen Terrasse in den Bergen hoch über dem Meer hatten sich mehrere junge Familien zum Essen getroffen. Sechs Kleinkinder zwischen einem und vier Jahren wuselten zwischen den Tischen. Während die Erwachsenen sich unterhielten, Spanferkel aßen und Wein tranken, hatte immer mal jemand ein Kind auf dem Schoß, wiegte und herzte es, um es dann wieder loslaufen zu lassen, zu dem kleinen Spielplatz einige Meter weiter oder zum Gucken, was die anderen Gäste so machen.
Mit Oliven in der Backe und sardischem Pecorino-Käse auf dem Teller konnte ich herrlich Bindungsforschung betreiben, konnte beobachten, wie sich die Kleinsten immer wieder der Nähe ihrer Eltern versichern, auf den Schoß klettern, kurz dort sitzen und schmusen, um - so gestärkt - wieder loszurennen, die streunende Katze zu streicheln, ältere Kinder zu beobachten, hinzufallen, sich trösten zu lassen und wieder weiter ...


Leider habe ich kein Bild von den wuselnden Kleinkindern, aber von der Terrasse und dem Blick. 

Diese Mamas und Papas hatten Spaß mit ihren Freunden und reagierten feinfühlig und prompt auf ihre Kinder. Das alles geschah sehr beiläufig ohne Kopfzerbrechen über die richtige Erziehung, ohne Fixiertsein auf das Kind. Diese Leute genossen sich, ihre Freunde, ihre Kinder, das Essen.

Bei allem, was ich über Bindung im Urlaub gelesen und gesehen habe, ist mir eins wichtig: Dass niemand mehr der Idee anhängt, es würde Kinder abhärten und stark machen, wenn man sie schreien lässt. Das Gegenteil ist der Fall.

In einem Interview auf FAZ.NET weist die Bildungsforscherin Fabienne Becker-Stoll darauf hin, dass sich die Abhärtungs-Theorie nach wie vor hartnäckig hält.

"Unser Verständnis von unserem Umgang mit Kindern ist nach wie vor von einem Buch aus dem Dritten Reich geprägt, "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von der Lungenfachärztin  Dr. Johann Haarer. Darin steht, dass man neugeborene Babys in einem 16 Grad kalten Kinderzimmer zum Durchschlafen zwingen solle, nicht füttern, nicht trösten, nicht herzen - sondern stark machen und abhärten. Dieses Buch wurde in Westdeutschland mit leicht verändertem Titel bis 1987 von vielen Kommunen an Eltern verteilt und in vielen Fach- und Berufsschulen verwendet. Die letzte Auflage war 1996. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen." 

Das ist wirklich gruselig, oder?

Ich ziehe aus dem Gelesenem und Erlebtem folgende Konsequenz:

  • Wenn ein Baby schreit und man kann es nicht beruhigen, ist das nicht tragisch. Alle Eltern erleben mal diese Situation der Hilflosigkeit und Überforderung.
  • Aber das Schreienlassen auf keinen Fall zur Methode erheben.
  • Einfühlsam und prompt auf das Kleinkind reagieren, erkennen, wann es auf einen zustrebt (Bindung) und wann es wegstrebt (Exploration). 
  • Lieber auf einem italienischen Landgasthof schlemmen als sich durch Bindungsbücher zu arbeiten.

Immer fröhlich bleiben

Eure Uta

* Exploration = etwas erkunden


Ps: Sternie von "Sternglück hat dieses kleine Buch



gewonnen. Herzlichen Glückwünsch! Bitte maile mir deine Adresse, dann geht das Buch in die Post.