Freitag, 31. Oktober 2014

Glückliche Familie Nr. 249: Die Sitzordnung


Prinzessin (13) erzählte am Anfang der Woche, dass ihre neue Klassenlehrerin die Klassensprecher beauftragt hätte, für eine neue Sitzordnung zu sorgen. Also machten die beiden, weil sie sich nicht anders zu helfen wussten, eine schriftliche und (eigentlich geheime) Umfrage unter ihren Mitschülern.

Wer ist dein Wunsch-Nachbar?

Wen könntest du auch noch akzeptieren?

Wer geht gar nicht?

Wie bei allem, was als "top secret" gehandelt wird, sickerte in der Klasse durch, wer besonders viele "Geht-gar-nicht"-Nennungen hatte. Prinzessin bekam mit, wie ein Mitschüler einem Mädchen zuraunte,  dass acht Mitschüler sie als diejenige genannt hätten, neben der sie partout nicht sitzen wollten.

Prinzessin fand das unmöglich.

Ich war entsetzt.

Das sind so Ereignisse im Leben, die einem ewig anhaften und einen runterziehen können: "Damals in der Schule war ich das Kind mit den meisten Ablehnungen in meiner Klasse." Schluck.

Ihr könnt eine Umfrage machen in Altersheimen. Es sind solche hoch-emotionalen Erlebnisse, die Menschen in allen Details erinnern, selbst wenn sie 100 sind, Alzheimer haben und ihnen das Wort für "Fernbedienung" nicht mehr einfällt.
Ihr könnt Greise nachts wecken, sie werden den Namen der Lehrerin wissen und den Namen des Schülers, der es raunte, und die Kerben im Tisch, an dem sie gerade saßen, und die drei Fusseln vorne auf ihrem Faltenrock.

Ich war sehr aufgebracht.

Sollte ich die Elternvertreterin anrufen oder die Lehrerin direkt?

Prinzessin war dagegen. Das musste ich respektieren. Und ich konnte das Geschehen ja auch nicht mehr rückgängig machen.


Ganz zufrieden mit dem Sitzpartner - "Pumpkin-people" vor einer Tankstelle in New London (USA).

Am Abend traf ich - in einem anderen Zusammenhang - die Mutter von Thea*, eine der beiden Klassensprecher. Ich sprach sie auf die Vorkommnisse an und sie erzählte, dass ihre Tochter an dem Tag heulend nach Hause gekommen sei, weil einige Mitschüler aus Unzufriedenheit mit ihrem neuen Platz ihr Vorwürfe gemacht hätten. Thea und der andere Klassensprecher waren - kein Wunder - völlig überfordert mit der Situation.

Theas Mutter und ich waren uns einig, dass eine Klassenlehrerin die Verantwortung für die Sitzordnung nicht auf die Klassensprecher abschieben darf. Ein Klassenlehrer ist verantwortlich für die Stimmung in seiner Klasse. Er/sie muss in der Lage sein, diese Gemeinschaft von Kindern zu führen. Das ist tausendmal wichtiger, als dass sie die Umformung ganzrationaler Terme in all ihren Verästelungen beherrschen oder das Gerundium vom Gerundivum unterscheiden können. (Leider haben wenige Gymnasiallehrer diese Auffassung von ihrem Beruf.) 

Für einen Menschen in der Hochpubertät ist die Sitzordnung und alle damit verbundenen Fragen der eigenen Beliebtheit in der Klasse so wichtig wie sonst nichts in der Schule. Gar nichts.

Kathrin* gab jedoch zu bedenken, wie jung die Lehrerin sei. (Erste Stelle nach der Referendarzeit.) Wahrscheinlich habe diese es für eine besonders gute Idee gehalten und glaube, sie habe mit der Aktion das Demokratie-Verständnis der Klasse geweckt. Den Einwand fand ich berechtigt.

Auch Kathrin wollte nicht die Lehrerin anrufen. Erstens sei sie keine "Interventions-Mama". Zweitens stimme sie immer mit Thea ab, ob sie sich schulisch einmische, und Thea sei dagegen.

Ich bin auch keine Interventions-Mama. Das habe ich mir mühsam abgewöhnt seit etwa der zweiten Klasse Grundschule meiner Kinder. (Dabei ist es so befriedigend, Lehrer genüsslich ins Unrecht zu setzen.) 

Aber gibt es nicht gelegentlich Situationen, in denen man den Mund aufmachen muss, damit sich ein solches Ereignis nicht wiederholt?

Ich hasse es, wenn die Realität so komplex ist.

Ich werde mit Prinzessin darüber im Gespräch bleiben. Vielleicht darf ich der Lehrerin mal unter vier Augen erzählen, was die "Aktion Sitzordnung" ausgelöst hat, wenn ich ihr mal über den Weg laufe. Ganz zufällig.

Was mir zu diesem Thema noch so durch den Kopf geht:

  • Beim Googeln fand ich folgenden Tipp für Lehrer: Sie sollten die Schüler dazu ermuntern, sich zu überlegen: Nicht "Wer ist meine beste Freundin?"/"Wer ist mein bester Kumpel?", sondern "Wer ist in der Klasse ein guter Lernpartner für mich?" Das ist häufig ein großer Unterschied. 
  • Das Buch "Fehler übersehen sie nicht - bloß Menschen. Eine Schulgeschichte" von Irmela Wendt fiel mir wieder ein. Es erzählt aus der Sicht eines Jungen in der Grundschule, wie er die mitmenschlichen Konflikte dort erlebt und in welche Zwickmühle Eltern und Lehrer so einen Grundschüler bringen können. Das Buch ist von 1982 und es wirkt auch etwas angestaubt, trotzdem würde ich immer noch empfehlen, es entweder selbst oder mit einem acht- bis 11jährigen Kind zu lesen. Meiner Schwester Nummer Zwei bin ich immer noch dankbar, dass sie mir dieses Buch im März 2004 geschenkt hat. 
  • An meine Freundin Irmgard, inzwischen pensionierte Lehrerin, musste ich wieder denken. Ich glaube, ich habe es schon einmal geschrieben. Macht aber nichts. Auf jeden Fall hat Irmgard mal einer Schülerin, die große Schwierigkeiten mit dem Rechnen hatte, die Postkarte "Mathe ist ein Arschloch" geschenkt. Solche menschenfreundlichen Lehrer brauchen wir! 
  • ... und wir brauchen eine Lehrerausbildung, in der Unterrichtsmanagement, das Führen einer Klasse, Persönlichkeitsbildung für Lehrer und soziales Lernen ganz wesentliche Bestandteile der Ausbildung sind. 
  • An meine Schwester Nummer 1, die auch Lehrerin ist, musste ich denken. Sie erzählte mir neulich, wie sehr es den Zusammenhalt der Klasse fördert, wenn man einen Ausflug in eine "Halfpipe" macht. Sie hätte es sehr anrührend gefunden zu beobachten, wie sich die Schüler gegenseitig die Hand gereicht hätten, wenn der Schwung fehlte, um oben die Plattform zu erreichen. 

    Immer fröhlich die Fehler übersehen, aber nicht die Menschen.

    Eure Uta

    * Namen der Beteiligten geändert.

    Sonntag, 26. Oktober 2014

    Glückliche Familie Nr. 248: Gespenster der Kommunikation


    Zurück von der Reise türmt sich die Wäsche und das Laub im Garten. Überall liegt was herum. Zerknickte Reiseprospekte, Flugtickets, ungeöffnete Post und dazwischen Teenager mit einem Joystick oder Tablet, weil sie ja "seit Ewigkeiten" nicht mehr spielen oder Videos gucken konnten.

    Ein Koffer (ihrer!), aus dem die Schmutzwäsche quillt, steigert das Gefühl der Entspannung. Behende steigen sie darüber (selbst im Dunkeln) und begeben sich wenige Meter entfernt davon in Chill-Pose (also horizontal mit internetfähigem Medium). Sie ziehen vorher noch was Lockeres an. Und das, was sie ausziehen, sackt zusammen und übersät wie bunte Maulwurfshügel den Teppich.

    Weil sie so gut vernetzt sind, wissen die Freunde von ihrer Heimkehr, noch bevor wir die Haustür aufschließen. Sätze wie "Kann ich bei Lea übernachten, wir haben uns ja soooooo lange nicht gesehen" fallen, kaum dass die Katzen geherzt und wieder auf den Boden gestellt sind.

    "Jetzt kommt doch erst mal wieder richtig an" will dagegen niemand hören. Wenn die, die noch unter 20 sind, herumliegen mit ihren Freunden digitaler oder lebendiger Art, sind sie so sehr angekommen, dass jeder Schritt (zum Beispiel Richtung Wäschekorb) als Zumutung empfunden wird.

    Die Reiseheimkehr ist die klassische Situation, in der ich sauer werde. Dann kommt sofort das "Bleibt-wieder-alles-an-mir-hängen"-Gefühl auf: Uta ist die einzige auf der Welt, die etwas arbeitet, neues Toilettenpapier einspannt, schmutzige Socken entknubbelt, was zu Essen auf den Tisch bringt.

    Seht her, was die Jeanne d'Arc des Haushalts für Opfer bringt, um ihrer Familie mit rissigen Händen ein wohliges Heim zu schaffen!

    Aus diesem selbstmitleidigen Kontext erwachsen die Eltern-Sätze, die gar nichts bringen.

    "Könnt ihr vielleicht auch mal einen Schlag tun?"

    "Hätten die Herrschaften vielleicht die Güte, die Spülmaschine auszuräumen?"

    "Muss der Mülleimer erst überquellen, ehe jemand die volle Tüte herausbringt?"

    "Sollen die Koffer hier noch bis Weihnachten stehen?"

    Das sind die Momente, in denen ich merke, dass es mir gut tut, inne zu halten und mir über den Kontext klar zu werden, in dem ich gerade zu den Kindern spreche.

    Das ist so etwas wie:

    "So einen tollen Urlaub haben sie geboten bekommen und jetzt hängen sie faul auf ihren Zimmern."
    = Undankbarkeit
    Dabei hatten wir die Idee zu diesem Urlaub und sie waren - bei genauer Betrachtung - überhaupt nicht undankbar.

    "Jugendliche heute sind so passiv. Ständig hängen sie vor irgendwelchen Medien und konsumieren Inhalte, statt aktiv zu werden und sich für irgendetwas zu engagieren."
    = Passivität
    Dabei liest Prinzessin (13) auf ihrem Handy ein Buch nach dem anderen. So wie ich früher in Papierbücher versunken war, liest sie halt elektronisch; und der Kronprinz (17) ist am Computer engagiert und lernt gerade, wie er selber "eggs benedict" machen kann.

    "Sie nehmen überhaupt nicht wahr, wie ich treppab und treppauf renne, um alles wieder schön zu machen?!"
    = mangelndes soziales Verhalten
    Dabei hatte Kronprinz erst zuvor am Flughafen einer alten Dame all ihre Koffer vom Gepäckband gehoben, während ich gar nichts schnallte und rief: "Das sind doch gar nicht unsere." Wie peinlich!




    Kontexte - die Gespenster unserer Kommunikation.
    Diese Gespenster gruselten uns als Halloween-Dekoration vor einem Haus in New Hampshire (USA), durch das unsere Reise führte.


    Wenn ich das Chaos Chaos sein lasse, mir erst einmal eine Tasse Kaffee koche und mir darüber klar werde, was alles mitschwingt, wenn ich sage "Kannst du jetzt vielleicht auch mal ein Schlag tun, du alter Faulpelz!" hilft dieser innere Abstand mir ungemein.

    Denn für unsere unausgesprochenen Botschaften haben Kinder ein klares Gespür. Unsere abfälligen Meinungen über sie wittern sie wie der Polizeihund die Drogen im Koffer.

    Nach dem Kaffee bin ich deutlich entspannter, stelle die Tasse in die Spülmaschine, kippe die Vorurteile in den Müll und kann ganz sachlich sagen:

    "Du musst den Koffer nicht sofort auspacken, aber ich möchte, dass er leer ist, bevor du zu deiner Freundin gehst."

    "In einer halben Stunde fahre ich los und hole Getränke. Wer kann mir helfen, sie in den Keller zu tragen?"

    "Wer am Montag in der Schule wieder eine saubere Jeans haben möchte, muss sie jetzt an die Treppe legen."

    Keine Ironie, keine unausgesprochenen Vorurteile, keine negativen Schwingungen und gleich ist die Atmosphäre ganz anders.

    Immer fröhlich nicht nur auf das achten, was wir sagen, sondern auch auf das, was wir senden.

    Eure Uta

    PS: Schön war zu sehen: Als ich selbst die Jammerhaltung verließ, habe ich es richtig genossen, zu Hause alles wieder heimelig zu machen. Ja, ja, alles eine Frage der inneren Kontexte!

    Freitag, 17. Oktober 2014

    Glückliche Familie Nr. 247: Meine liebsten Vornamen


    Weil ich gerade viel unterwegs bin und meine Bücher nicht dabei habe, komme ich nicht so richtig zum Schreiben. Was aber immer geht, sind Listen, oder?

    Lieben wir nicht alle Listen?

    Sie bringen Ordnung in unser inneres und äußeres Chaos.

    In dieser Woche ging ich mit der Familie um einen See spazieren und Prinzessin (13) fragte mich:

    "Was sind deine Lieblingssportarten? Drei darfst du nennen." - Uta: "Tanzen, Tischtennis, Badminton."

    "Was sind deine Lieblingsfarben?" - Uta: "Bei Kleidung: Rosa, Braun, Grau, Dunkelblau. Zum Wohnen: gerade Naturtöne, Schwarz, Weiß, dazu bunte Blumen."

    Prinzessin (13) und Kronprinz (17) im Wald - diese Innigkeit haben wir wohl dem schmalen Bretterpfad zu verdanken. Ob sie auch über Listen sprachen? 

    Hier noch ein paar Listen, die unterwegs entstanden sind.

    Die Aufzählung der Kindernamen enthält nicht die weltschönsten Namen von Kronprinz und Prinzessin, sondern die, die ich wählen würde, wenn ich noch einmal 25 und mutiger wäre. Solche Gedankenspiele machen mir einfach Spaß.




    Dann habe ich mir noch Gedanken über Spielzeug gemacht. Wir hatten natürlich viel mehr, als auf meiner Liste steht, und wahrscheinlich habe ich Wichtiges vergessen, aber wenn ich noch einmal kleine Kinder hätte, würde ich mich auf Folgendes beschränken:




    Habt ihr Lust, meine Listen zu ergänzen oder eigene Listen zu schicken? Ich würde mich sehr darüber freuen.

    Immer fröhlich alles auflisten.

    Eure Uta

    Freitag, 10. Oktober 2014

    Glückliche Familie Nr. 246: Losziehung mit Nachbarschaftshilfe


    Um ein unparteiisches Wesen zu finden, das bereit wäre, die Gewinnerin des Buches "Baby-Nöte verstehen" zu ziehen, versuchte ich zunächst, den Hund unserer Nachbarn zu gewinnen.




    Aber der Hund interessiert sich immer nur für meinen Handfeger und die Gartenhandschuhe. 

    Unsere Katze Amy war - wie man unschwer am Blick erkennen kann - höchstens bereit, die notarielle Aufsicht zu übernehmen. 




    Schließlich aber war meine Nachbarin so nett, in die Schale zu greifen. 





    Auf dem Zettel, den sie zwischen den Fingern hält, steht ... tatatataaaaaaaaaa


     "m hoch drei". 

    Herzlichen Glückwunsch!

    Liebe "m hoch drei", bitte maile mir bitte möglichst noch heute deine Adresse, dann kann ich das Buch schnell losschicken. 

    Immer fröhlich die nachbarschaftlichen Kontakte pflegen


    Eure Uta 

    Donnerstag, 9. Oktober 2014

    Glückliche Familie Nr. 245: Babys richtig lagern, Verlosung


    In einem meiner Bücher habe ich gelesen, dass Frauen heute einen "Kaltstart" erleben, wenn sie ihr erstes Baby bekommen, weil sie als Kind nicht mehr von so vielen Müttern mit Säuglingen umgeben waren, wie das früher der Fall war, und ihnen die Vorbilder fehlen.

    Bei Affen mag das diese Auswirkungen haben. Affenmütter, die isoliert aufgezogen wurden und sich den Umgang mit Babys nicht abgucken konnten, wissen mit ihrem Jungen kaum etwas anzufangen und weisen es sogar brutal ab. (Harry Harlow nach Herbert Renz-Polster: "Kinder verstehen", Seite 254)

    Aber gilt das auch für Menschen?

    Ich bin zwar in einer größeren Sippe groß geworden (drei Geschwister, 26 Cousins und Cousinen), aber als der Kronprinz auf die Welt kam, habe ich das trotzdem als Kaltstart empfunden.

    Nach Studium und ersten Berufsjahren, nach jahrelangen Kopfgeburten war mir die richtige Geburt entschieden zu körperlich: Dammriss, Klammer auf dem Babynabel, Kindspech, Milcheinschuss ...

    Hilfe, wo ist meine saubere Schreibtischwelt, meine Bücher, mein Computer, Briefablage? Wo sind sie, die coolen Frauen in den Konferenzen? In der Klinik sah ich nur Morgenmäntel, die zum Kaffeespender watschelten.

    Als die größten Körperlichkeiten überwunden waren, wurde der Kaltstart wärmer. Es gab einen Kronprinzen, der im Nacken duftete.

    Leicht war es am Anfang trotzdem nicht. Irgendwann wurde der Duft von einem säuerlichen Gestank überdeckt, weil ich übersehen hatte, dass man die Halsfalten waschen muss. Der kleine Kerl hatte ein wundes Doppelkinn. Kein Wunder, dass er so unruhig war.

    Meine berufliche Coolness wieder zu erlangen, war auch nicht so einfach. Wenn der Redaktions-Bote bei uns klingelte, um die nächsten Texte abzuholen, öffnete ein Schatten meiner Selbst die Tür. In Jogginghose, Spucktuch über der Schulter, Augen tief in ihren Höhlen, das Baby mechanisch wippend auf dem Unterarm.

    Habe ich schon mal beschrieben, wie seine Majestät, mein Mann, und ich den Thronfolger föhnten, damit er endlich einschlief, und wie wir rückwärts auf dem Boden robbten, um den laufenden Föhn am Kabel aus dem Schlafzimmer zu ziehen?

    Heute möchte ich etwas verlosen. Nein, keinen Föhn, sondern das Buch "Baby-Nöte verstehen" von der Kinder-Osteopathin Karin Ritter. Ich habe es zur Besprechung zugeschickt bekommen und musste nach dem Lesen denken, dass ich mir bei meinem Kaltstart damals ein solches Buch gewünscht hätte.


    Luftaufnahme vom Kronprinzen im Alter von fünf Monaten. Auch wenn seit Mitte der 90er Jahre von der Bauchlage als Schlafposition abgeraten wird, schreibt die Kinder-Osteopathin, dass die Bauchlage "ein wichtiger Baustein in der Bewegungsentwicklung" des Kindes sei. Babys sollten "täglich ein bis zwei Stunden unter Beobachtung in dieser Lage liegen". 

    In dem Buch erfährt man,
    • dass es nicht immer Koliken oder Blähungen sein müssen, die ein Baby schreien lassen
    • dass der Stress des Kindes durch falsche Lagerung im Bettchen ausgelöst werden kann
    • dass sich Säuglinge durch Lagerung der Beine auf ein Kissen viel wohler fühlen können und man so die Überstreckung des Kopfes vermeidet (verschiedene Lagerungen auf Fotos dokumentiert)
    • dass man ein Baby nicht mit dem Achselgriff hoch nimmt, weil das die Schultern zu sehr nach oben quetscht 
    • wie man es statt dessen hoch nimmt (zahlreiche Fotos)
    • mit welchen Griffen man es am besten trägt, wickelt, umzieht ...
    • dass man ein Baby ruhig im Autositz schlafen lassen kann, wenn man es darin in die Wohnung getragen hat, weil die Schalensitze ihm guten Halt geben, allerdings sollte man etwas unter den Sitz schieben, damit das Baby weniger aufrecht liegt
    • dass man kein Spielzeug an den Tragegriff des Autositzes hängen sollte, weil es dort für die Wahrnehmung des Babys zu tief hängt (kann zu Nackenverspannungen führen, Abstand zu den Augen mindestens 80 cm)
    • dass man den Autositz als Schaukel benutzen und an die Decke hängen kann (sanftes Schaukeln beruhigt immer) 
    • wie man ein Baby "puckt" (Pucken = zeitweiliges Einwickeln von Armen und Oberkörper des Babys, um ihm Halt zu geben und es damit zu beruhigen) plus Nähanleitung für einen "Puckschal" 

    Karin Ritter nennt ihre Vorschläge "Glücksgriffe" und ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Tipp mehr Frieden in die Kaltstart-Familien bringt.

    Zudem enthält das Buch eine DVD, auf der die Handgriffe, das richtige Lagern, Hochnehmen und Tragen gezeigt werden.

    Wer das Buch gewinnen möchte, schicke mir bitte einen Kommentar, in dem ihr mir kurz eure Lebenssituation als Eltern oder werdende Eltern beschreibt.

    Einsendeschluss ist diesmal schon morgen, 10. Oktober, um 12 Uhr mittags. Dann kann ich es am Samstag schon zur Post bringen.

    Immer fröhlich nach neuen Möglichkeiten für friedliche Thronfolger suchen

    Eure Uta        


    Die Zettel nehme ich wieder raus, dann ist es fast wie neu.

    Sonntag, 5. Oktober 2014

    Glückliche Familie Nr. 244: Yoga in den Stundenplan


    Nachdem die glückliche, aber verspannte Familie diesen Geo-Artikel gelesen hat, haben wir eine Yoga-Lehrerin unseres Vertrauens gebeten, an einem Sonntagmittag zu uns nach Hause zu kommen und der ganzen Familie eine Yoga-Stunde zu geben. Der Esszimmertisch wurde verrückt und Matten ausgerollt. Und dann gingen wir "in den Hund" und "in die Kobra" und wurden menschliche Brezeln und ließen den Atem fließen oder gingen mit der Atmung dahin, wo unsere Körper dringend gedehnt werden sollten. Also überall.




    Ich habe in meinem Leben schon den einen oder anderen Yoga-Kurs gemacht, aber jedes Mal denke ich wieder: "Bei all den Anweisungen, die ich befolgen soll,  - Beine strecken, Beckenboden anheben, Finger spreizen, Kopf locker zwischen den Schultern, Atem fließen lassen - fehlt nur noch, dass ich die Ohrläppchen anheben soll."

    Und jedes Mal ist es eine große Wohltat für Leib und Seele.

    Es ist, als würde mein Inneres wieder mit meiner äußeren Welt in Einklang kommen, als würden zwei Folien übereinander geschoben und ein stimmiges Bild ergeben. So schön.

    Dieses schöne Gefühl wollten mein Mann und ich unseren Kindern vermitteln. Dazu hätten wir auch in einen Kurs gehen können. Aber da wir es für aussichtslos hielten, dass unsere Teenager sich mit Elternteilen, die in Jerseyhosen stecken und beim Sonnengruß von der Matte kippen, in der Öffentlichkeit zeigen, initiierten wir die Yoga-Stunde in unserem Wohnzimmer.

    Als ich zwischen zwei Asanas auf der Matte lag und meine Gedanken unerlaubterweise abschweiften, musste ich an die Leute denken, die in diesen Tagen in Hamburg dafür Unterschriften sammeln, dass die Gymnasien parallel zu G8 wieder auch G9 anbieten sollen (also in neun, statt in acht Jahren zum Abitur). Und ihr fragt euch jetzt, was das mit Yoga zu tun hat.

    Der Zusammenhang ist der, dass ich fest davon überzeugt bin, dass die einzige Reform, die wir - außer besserer Lehrerausbildung, strengerer Eignungstests für Pädagogen, mehr Unterstützung und Supervision für Lehrer an Schulen, mehr Fachkräfte in Kitas ... - also (fast) die einzige Reform, die wir wirklich brauchen, "Yoga in der Schule" ist.

    Das sagt auch der Neurowissenschaftler Sat Bir Khalsa aus Harvard.

    "Wir werden zunehmend mit Stressoren bombardiert, Hektik und Druck im Arbeitsleben, stetig präsentes Fernsehen und Internet. Unsere Welt ist sehr herausfordernd. Aber uns wird nicht vermittelt, wie man damit zurechtkommt, nicht in der Schule, nicht von den Eltern. Die leiden ja selbst. Yoga ist eine Technik, die hilft, mit Stress umzugehen."       Brand 1, Wirtschaftsmagazin, Ausgabe 04/2014: "Eine Sache der Disziplin"

    Und weil es bisher überwiegend Frauen, Wohlhabende und Gebildete sind, die von Yoga profitieren, setzt sich Sat Bir Khalsa "für die flächendeckende Einführung von Yoga in öffentlichen Schulen ein".

    Sat Bir Khalsa, wo sind deine Unterschriftenlisten?

    Für Yoga in der Schule braucht es gar nicht viel. Die Grundschullehrerin vom Kronprinzen (heute 16) hat täglich vor Unterrichtsbeginn mit den Kindern eine Yoga-Übung gemacht, weil sie festgestellt hatte, dass es ihnen hilft, konzentrierter zu arbeiten. So standen dann 28 kleine "Bäume" im Klassenzimmer, das rechte Bein angewinkelt, den rechten Fuß an die Innenseite des linken Oberschenkels gedrückt, die Arme über dem Kopf gestreckt, den Blick fest auf einen Punkt an der Tafel geheftet.

    Mein Mann und ich werden jetzt wieder regelmäßig Yoga üben. Ob die Kinder mitmachen werden, wird sich zeigen. Uns war es wichtig, dass sie es kennen lernen und als Möglichkeit mit in ihr Leben nehmen.

    Unsere sonntägliche Yoga-Stunde endete damit, dass Familie Katzenklo ausgestreckt zwischen Klavier  und Sofa lag. Alle mit Tüchern bedeckt, als hätte es ein Massaker gegeben. Aber uns ging es gut. Sehr gut sogar. Antje, die Yoga-Lehrerin, stieg über uns drüber, um hier noch eine Hand zu lockern, dort noch eine Decke bis unters Kinn zu ziehen. "Mein Leben ist so wie es sein soll", sagte Antje sanft, "ich habe nichts gegen das, was gerade ist."

    Immer fröhlich Yoga üben.

    Eure Uta

    Montag, 29. September 2014

    Glückliche Familie Nr. 243: Synchron-Schlafen


    Jemand aus unserer Familie durfte aus medizinischen Gründen zwei Tage lang nichts essen. Als diese vorbei waren, sollte es eine Feier der Völlerei geben und ich bin zum Griechen gefahren, um für alle "Gyros-komplett" zu holen. Gut, dass ich zufällig "Kinder verstehen" von Herbert Renz-Polster dabei hatte, denn ich musste lange warten. So saß ich zwischen aufgeklebten Tempel-Säulen im Knoblauch-Dunst und vertiefte mich in die Kapitel über den Baby-Schlaf.

    Was ich dort las, war so herzerwärmend, dass ich den Wein und die ganzen Ouzos, die man mir anbot, nicht brauchte, um die Wartezeit zu verkürzen.

    Wusstet ihr, dass die Körper von Mutter und Kind miteinander korrespondieren, wenn das Baby bei der Mutter im Bett schläft?
    Körpertemperatur und Schlafphasen gleichen sich an, so dass bei Mutter und Kind die Phasen flachen und tiefen Schlafs parallel verlaufen. Und nicht nur das: Videos aus dem Schlaflabor von schlafenden Mamas zeigen, dass sie sogar im Schlaf die Position des Babys korrigieren, es also zum Beispiel von der Bauchlage auf den Rücken drehen, was ja ein geringeres Risiko bezüglich des plötzlichen Kindstodes birgt. (Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen, Seite 127) Folglich kannst du von den Bahamas träumen und mit den Surfbrett die nächste Welle nehmen, während du das kleine Bündel neben dir wieder in die richtige Position bringst. Mitten im Schlaf. Ist doch irre, oder?

    "Videoaufnahmen mit Infrarotkameras zeigen zudem, dass selbst die Bewegungen von Mutter und Kind unbewusst aufeinander abgestimmt sind. Die meisten beobachteten Mutter-Kind-Paare liegen sich fast die ganze Nacht Gesicht zu Gesicht gegenüber. Dabei werden immer wieder schützende oder 'ordnende' Eingriffe der Mutter beobachtet." (nach Richard u.a. 1996 beschrieben von H. Renz-Polster, ebd., Seite 127) 

    Demzufolge werden Babys, die gestillt werden und im Bett der Eltern schlafen, zwar häufiger wach, schlafen aber auch schneller wieder ein. Und wegen der synchronisierten Schlafphasen wird die Mutter auch nicht aus dem Tiefschlaf gerissen. Die Experimente aus dem Schlaflabor zeigten, dass die Versuchsmütter mit dem Baby im Bett erholsamer schliefen, als wenn ihr Baby im Nebenzimmer nächtigte.

    Das ist doch genial. Warum sagt einem das denn keiner?

    Die Untersuchung, die Renz-Polster beschreibt, ist von 1996. Der Kronprinz ist 1997 geboren. Das hätte ich doch auf jeden Fall ausprobiert.

    Jetzt fällt mir auf, dass Renz-Polster gar nichts über die Väter geschrieben hat. Werden die gleich mit synchronisiert, wenn der Nachwuchs mit im großen Bett liegt? Und klappt das auch, wenn der Säugling in einem Bettchen liegt, das man an das große Bett dranhängen kann? Welche Reichweite haben die elterlichen Schlafsignale? Wie klappt das bei Flaschen-Kindern?

    Fragen über Fragen.

    Bei Renz-Polster gefällt mir gut, dass er in seinem Buch keine religionsartigen Kriege für die eine oder andere Einschlaf-Methode oder für oder gegen das Stillen führt. Er weiß, das ist für Mütter ein vermintes Feld. Und für jede Familie ruckelt sich zurecht, was gut zu den jeweiligen Menschen und ihrem Leben passt.

    Er schreibt, dass sich die segensreichen Wirkungen des gemeinsamen Übernachtens auch nur entfalten, wenn alle Beteiligten solchen gemeinsamen nächtlichen Happenings zustimmen können. Seine Majestät der Soßenkönig, sonst ein großer Freund des Kuschelns, hatte immer Bedenken, er würde unser Kind im Schlaf unter sich begraben (hier fehlten uns noch die Kenntnisse der Schlaf-Synchronisation, denn wahrscheinlich hätte ich ihm Tiefschlaf einen rechten Haken verpasst, das Baby gerettet und alle hätten weiter geschlummert.)

    Auf jeden Fall gibt es wohl keine Belege dafür, dass es der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes schaden würde, wenn es in einem anderen Zimmer übernachtet. Und umgekehrt werden Kinder auch nicht weniger selbstständig, wenn sie als Baby bei ihren Eltern schlafen dürfen.

    Was man aber auf keinen Fall machen sollte, ist die Methode aus dem einstigen Bestseller "Jedes Kind kann schlafen lernen". Dort wurde empfohlen, das Baby durch immer längere Phasen des Alleinseins im eigenen Zimmer an selbstständiges Einschlafen zu gewöhnen. Nicht machen! Damit erreicht man ein gestresstes Resignieren, aber kein friedliches Einschlummern.




    Aus dem Schlaf-Kapitel habe ich mitgenommen:
    • Mit dem Baby zusammen im großen Bett zu schlafen, kann segensreiche Wirkungen entfalten.
    • Die Natur ist genial.
    • Wenn Kleinkinder nicht einschlafen können, weil sie im Dunkeln Angst vor Monstern haben, kann es helfen, ein Licht brennen zu lassen. Aber auf keinen Fall die ganze Nacht, weil selbst schwaches Licht die Bildung des "Rhythmushormons" Melatonin im Gehirn stört. Am besten Zeitschaltuhr verwenden.
    • Sich das Einschlafritual, das man einführen möchte, gut überlegen. Wenn Kinder nachts aufwachen, brauchen sie das gleiche Ritual wie am Abend, weil es für sie wie eine "Brücke" in den Schlaf ist. Wer also eine Geschichte liest, singt, über den Kopf streicht und den Bauch fönt (Familie Katzenklo in ihren Anfängen), wird damit leben müssen, dass das Kind in der Nacht das gleiche Programm einfordert. 
    • Großen Kindern kann man einige spannende Fakten über den Schlaf erzählen: das für das Wachstum wichtige Hormon wird hauptsächlich nachts ausgeschüttet - im Schlaf werden Reperaturarbeiten an den Körperzellen durchgeführt - nachts produziert der schlafende Körper besonders viele Immunstoffe und schützt einen so vor Krankheiten - im Schlaf sortiert sich das Gehirn neu und funktioniert morgens wieder besser (das sieht man daran, dass Insekten und Würmer keinen Schlaf brauchen, denn da ist kaum was zu sortieren) 

    Immer fröhlich auf gutes Schlafen achten und mal ausprobieren, ob es auch gemeinsam im großen Bett klappt.

    Eure Uta


    PS: So begeistert ich auch davon bin, Babys bei sich schlafen zu lassen, würde ich Kleinkinder so ab eineinhalb oder zwei Jahren aus dem Elternschlafzimmer ausquartieren. Dann ist es - auch für die Kinder - wichtig, dass Mama und Papa wieder mehr ein Paar sein dürfen. Wenn ein großes Kind krank ist, Albträume hat oder eine schwere Zeit durchmacht, kann man Ausnahmen machen.
    Aber ich habe den Eindruck, dass viele Mütter es übertreiben und das gemeinsame Übernachten bis in Schulzeiten hinein der Einstieg dafür sein kann, den Mann und Vater an den Rand der Familie zu drängen.